von Stephan Eggersglüß
veröffentlicht am 22. September 2005

Neben der offiziellen Übersetzung des Silmarillions von Wolfgang Krege gibt es noch eine inoffizielle Übersetzung des Werkes aus dem Jahr 1978. Der Übersetzer ist leider unbekannt. Die Ausgabe erschien im Berliner Verlag „Die Drei“ und ist besser bekannt unter der Bezeichnung „Raubdruck“. Da es sich aber um eine unlizensierte Übesetzung handelt und nicht um einen bloßen unlizensierten Nachdruck, wird dieser Begriff hier nicht verwendet, sondern stattdessen die korrekte Bezeichnung „Raubübersetzung“ gewählt. Die Ausgabe kam 1978 als „preisgünstige, nicht lizensierte Alternative“ zur offiziellen Übersetzung auf den Markt. Heute findet man diese Ausgabe wenn dann nur noch auf dem Flohmarkt, da es sie wohl aus Lizenzgründen verständlicherweise nicht mehr im Laden zu kaufen gibt.
Die Übersetzung des Silmarillions liest sich anders als die Übersetzung von Wolfgang Krege. Im Gegensatz zu Krege übersetzt der unbekannte Übersetzer vieles wörtlich und ist dadurch näher an Tolkiens Originaltext. Dadurch klingt es aber ab und zu etwas holpriger als bei Krege, da letzterer mehr Wert auf einen stimmigen deutschen Text legte, aber mitunter kleine Details wegließ. Dies ist bei dem unbekannten Übersetzer gar nicht der Fall. Alle Informationen bleiben erhalten. Dies verdeutlicht folgendes Beispiel, wo nun drei Textstellen gegenübergestellt werden:
Yet this is held true by the wise of Eressëa, that all those of the Quendi, who came into the hands of Melkor, ere Utumno was broken, were put there in prison, and by slow arts of cruelty were corrupted and enslaved; and thus did Melkor breed the hideous race of the Orcs in envy and mockery of the Elves, of whom they were afterwards the bitterest foes.
Jedoch gilt bei den Weisen von Eressea als wahr, daß jene Quendi, die in die Hände Melkors fielen, bevor Utumno zerstört wurde, in Gefängnisse kamen, und durch die Anwendung langsamster Arten von Brutalität verdorben und geknechtet wurden; und so brütete Melkor die gräßliche Rasse der Orks aus, aus Neid und zum Spott der Elben, von denen sie nachher die bittersten Feinde waren.
Doch dies halten die Weisen von Eressea für wahr, daß alle Quendi, die in Melkors Hände fielen, ehe Utumno zerstört wurde, dort in Gefangenschaft kamen und durch die langsamsten Künste der Folter verderbt und versklavt wurden; und so züchtete Melkor das ekle Volk der Orks, in Neid und Hohn den Elben nachgebildet, deren bitterste Feinde sie später waren.
Hier ist ersichtlich, dass der unbekannte Übersetzer sich strikt an den Originaltext hielt, während Krege mehr eigene Sätze bildet, die auch schon mal vom Original abweichen können. Diese Abweichungen sind auch bei den Eigennamen ersichtlich. Während der unbekannte Übersetzer die Eigennamen stets wörtlich wiedergibt, „deutscht“ sie Krege mehr ein, so dass es „runder“ klingt. Als Beispiel verdeutlicht dieses die Übersetzung des „Ring of Doom“, welches in der Raubübersetzung mit „Ring der Bestimmung“ übersetzt wurde, während bei Krege „Schicksalsring“ steht.
Einen minimalen Unterschied kann man auch im Gebrauch des phonetischen „ë“ entdecken. Der unbekannte Übersetzer lässt den phonetischen Doppelpunkt über dem „e“ konsequent ganz weg, da er im Deutschen anders als im Englischen nicht gebraucht wird. Krege macht dies ähnlich. Er verzichtet fast vollständig auf das „ë“. Anders als der unbekannte Übersetzer hingegen, macht er jedoch davon Gebrauch, wenn es auch im Deutschen nötig ist die Betonung auf das „e“ zu setzen. Beide Übersetzer schreiben die englischen Originale „Eressëa“, „Manwë“ und „Aulë“ in der Übersetzung ohne die phonetischen Punkte „Eressea“, „Aule“ und „Manwe“. Anders jedoch bei dem Wort „Eldalië“. Hier muss auch im Deutschen darauf hingewiesen werden, dass das „e“ am Ende des Wortes gesprochen werden muss, da ansonsten nur ein langes „i“ gesprochen werden würde. Krege übersetzt hier korrekt „Eldalië“, während jedoch der unbekannte Übersetzer „Eldalie“ schreibt.
Das Buch enthält neben der Übersetzung des Haupttextes die fünf Stammbäume (Haus Finwe, Nachkommen von Elwe und Olwe, Haus Beor, Haus Hador und das Volk Haleths) und die Tabelle der verschiedenen Völker der Quendi. Beide liegen nicht wie im originalen Silmarillion in Druckschrift vor, sondern sind von Hand erstellt worden, was die Qualität allerdings nicht mindert.
Genau wie die Krege-Übersetzung enthält die Raubübersetzung die Karte von „Beleriand und den Ländern im Norden“ sowie die Karte von Mittelerde im Zweiten und Dritten Zeitalter. Hier unterscheiden sich die beiden Übersetzungen aber hinsichtlich der Qualität. Erstere Karte ist in der Raubübersetzung sehr liebevoll gezeichnet und ist genauso detailreich wie die Karte im Original. Die Zweite Karte sieht dagegen sehr unschön und karg aus. Desweiteren ist sie nicht sehr detailreich. Neben den Reichen Arnor, Gondor (einmal am Anfang des D.Z. und einmal am Ende), Mordor und Lorien, welche simpel umrandet und schraffiert sind, ist auch noch das Auenland eingezeichnet, allerdings bloß als gepunkteter Kreis. Außer den Reichen kann man nur noch das Nebelgebirge, die Ered Lindon, den Anduin und den Grünwald (Düsterwald) entdecken. Positiv zu vermerken ist jedoch noch, dass im Meer markiert wurde, wo einst Ossiriand und die Küste des Ersten Zeitalters war.
Entgegen der offiziellen Version fehlt der Raubübersetzung allerdings ein Teil des Inhalts, was den Anhang und das Vorwort betrifft. Das Vorwort von Christopher Tolkien wurde in der Raubübersetzung ganz weggelassen. Außerdem fehlt im Anhang der Teil über die „Elemente in den Quenya- und Sindarin-Namen“. Das Namensregister und der Teil über die Aussprache ist aber vorhanden. Wobei am Namensregister anzumerken ist, dass die Reihenfolge der Namen infolge der unterschiedlichen Übersetzung von Eigennamen natürlich verschieden ist.
Der Raubübersetzung kann, was den Umfang des Silmarillion betrifft, nicht mit der offiziellen Übersetzung mithalten. Dort ist die Übersetzung von Wolfgang Krege klar besser bestückt, wenn es um das Zusatzmaterial geht. Andererseits ist die Übersetzung von Unbekannt in einigen Passagen klarer und gibt das Original besser wieder, wenn es sich manchmal auch ein bißchen holpriger liest als die Übersetzung von Krege. Es ist also abzuwägen, ob man lieber einen guten Schreibstil lesen möchte, oder ob man lieber eine Übersetzung liest, bei der man sicherer sein kann, dass man kein kleines Detail verpasst.
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