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Rezension von Der Herr der Ringe und die Philosophie

Gregory Bassham und Eric Bronson (Hgg.)
Der Herr der Ringe und die Philosophe. Klüger werden mit dem beliebtesten Buch der Welt
Stuttgart: Klett-Cotta, 2009.
[Gebundenes Buch, ISBN 978-3-608-93879-1, 19,90 €]

von Frank Weinreich
veröffentlicht am 18. November 2009

 

Bei dem amerikanischen Verlag Open Court, Chicago, erscheint eine Reihe namens „Popular Culture and Philosophy“, die zeitgenössische Erscheinungen - meist Bücher, Filme oder Fernsehsendungen und deren Autorinnen und Autoren, aber auch schon einmal durchaus das Baseballspiel als solches - in einen philosophischen Kontext stellt und mit den Methoden der Philosophie untersucht, interpretiert und Bezüge zu philosophischen Lehren herstellt. Das ist beispielsweise für die Fernsehserie „Buffy - the Vampire Slayer“ und die „Matrix“-Filmtrilogie gut gelungen. Dieser Erfolg liegt an den Autoren, die für diese immer als Sammelbände angelegten Bücher gewonnen werden konnten, aber auch daran, dass das jeweilige Thema erst neu erschlossen wurde. Der Herr der Ringe bietet sich natürlich besonders gut an, ihn in Verbindung mit der Philosophie zu setzen. Allerdings ist die Ringerzählung im Gegensatz zu „Matrix“ und „Buffy“ eine von der Sekundärliteratur außerordentlich gut ausgeleuchtete Materie, bei der man also sehr gespannt sein darf, was da philosophisch Neues herausgeholt werden kann. Und es stecken sicher noch viele Themen in Mittelerde, die man genauer betrachten kann. Der Herr der Ringe und die Philosophie beleuchtet allerdings nichts Neues, so dass dieses Buch sicherlich keine Pflichtlektüre für den Tolkienkenner darstellt.

Die Anthologie umfasst abzüglich Vorwort 13 Artikel von 11 Autoren und zwei Autorinnen. Es lohnt nicht, jeden Beitrag einzeln zu behandeln, weshalb ich nur aufzähle, dass Eric Katz über Moral in Mittelerde im Vergleich zur platonischen Philosophie schreibt; sich Theodore Schick mit Technik und Technologie befasst, Alison Milbank den Ring als Objekt der Begierde beschreibt und ihn auf diese Weise mit Moralität verbindet; Gregory Bassham untersucht, wie Tolkien Glück und Lebenssinn darstellt; Eric Bronson die Elben denkwürdigerweise als Existenzialisten vorstellt; Douglas K. Blunt die Hobbits als nichtnietzscheanische Personen entdeckt; Scott A. Davison eine für den Anspruch äußerst knappe Darstellung von Gut und Böse bei Tolkien gibt; Aeon J. Skoble erstaunlicherweise über Sünde und Tugend redet, ohne Tolkiens viele nichtfiktionale Äußerungen dazu auch nur zu erwähnen; Bill Davis sich ganz interessant über Tod und Unsterblichkeit bei Tolkien auslässt; Joe Kraus, sekundärliteraturfrei, über Tolkiens Schwierigkeiten mit der Moderne spricht; Andrew Light dem Thema Umwelt ein paar Seiten widmet; Thomas Hibbs ein wenig über Willensfreiheit spekuliert; und J. Lenore Wright sich dem Motiv des Reisens als Reise durch das Leben widmet. Dass drei Beiträge aus dem englischen Original fehlen, schmerzt nicht (es wundert nur, dass deren Beiträger im Vorwort, S. 10, noch mitgezählt werden, was nicht für die Sorgfalt spricht, mit der das Buch zusammengestellt wurde). Statt der fehlenden Beiträge gibt es noch 8 Seiten mit Zitaten bekannter Philosophen, die in der Originalanthologie nicht stehen und deren Sinn sich dem Leser auch nicht erschließt, denn mit Mittelerde haben sie nichts zu tun.

Pauschalieren soll man ja möglichst nicht, aber in diesem Fall geht es, denn die Artikel sind von gleichartigem Niveau. Die Beiträge sind von Profis verfasst und so gut geschrieben, dass man ihnen auch ohne philosophische Vorbildung gut folgen kann. Das liegt aber sicherlich auch daran, dass sie sich auf einführendem Niveau bewegen, das man auch in der Mittelstufe als Lektüre verwenden könnte. Dies jedoch in pädagogischer Hinsicht nur sehr bedingt, da die Sichtweisen durchweg arg verkürzt sind und ihren Themen über weite Strecken nicht gerecht werden. Der Platonbeitrag etwa referiert das Gleichnis vom Ring des Gyges und schließt daraus, dass auch der Eine Ring besser nicht verwendet werden sollte, weil er korrumpiert. Das stimmt natürlich, lässt aber so viele Möglichkeiten aus, dass es schmerzt.

Wenn man schon Platon und Tolkien hinsichtlich ihrer ethischen Ansichten vergleicht, so wäre es ungleich wichtiger gewesen, auf die in Tolkiens christlicher Überzeugung wurzelnde Individualität von Moral einzugehen und diese der Kollektivmoral bei Platon kontrastierend gegenüberzustellen. Eine Kollektivmoral, die natürlich in der Ideenlehre wurzelt, die ihrerseits aber - man muss gar nicht nur von Moral bei Platon reden! - einen faszinierenden Einfluss auf Tolkien gehabt hat. So hätte man einen Zirkel erhalten, der die Gesamtheit Mittelerdes wunderbar dem einflussreichsten Philosophen der menschlichen Geschichte gegenübergestellt hätte. Stattdessen nur Gyges. Schade.

Ähnliches gilt für die anderen Beiträge, deren Themen von anderen Autorinnen und Autoren durchweg ertragreicher behandelt wurden. Wenn denn überhaupt Mittelerde behandelt wurde - Theodor Schicks Technikbeitrag etwa ist spannende Science Fiction-Thematisierung, aber der Tolkienpart wirkt seltsam angeklatscht, als sei Mittelerde nun wirklich nicht des Autors eigentliches Interesse. Diese Kritik gilt auch, wenn man dem Umstand Rechnung trägt, dass es sich um eine Anthologie handelt, die naturgemäß große Themen auf viel zu engem Raum zu behandeln hat. Die Anthologien von Walking Tree Publishers etwa beweisen durchweg, dass so etwas auch auf hohem Niveau geht.

Wer einen ersten Blick hinter die Kulissen des HdR werfen will, um eine Ahnung zu bekommen, welcher Reichtum sich dort verbirgt, bekommt einen gewissen Eindruck davon. Doch bei dem einführenden Niveau der Beiträge in Der Herr der Ringe und die Philosophie stellt sich die Frage, ob, wenn man denn in intensivere Betrachtungen Mittelerdes einsteigen will, es nicht lohnendere Einstiege gibt. Und die gibt es. Etwa die ebenfalls bei Klett-Cotta erschienenen Bücher von Tom Shippey Autor des Jahrhunderts und Der Weg nach Mittelerde, die fast alle der Themen des Sammelbandes auch behandeln, aber mit deutlich mehr Tiefe, unter Einbezug vieler weiterer Aspekte und verfasst von jemandem, der Tolkiens Werk ausgewiesenermaßen bestens kennt.

Was bezüglich der Werkkenntnis seitens der Autoren des Sammelbandes auffällt, ist, dass diese zwar Philosophieprofis mit universitärem Hintergrund sind, sie aber im Bereich der Tolkienforschung sich bisher kaum publizierend hervorgetan haben. Da hätte die eine oder andere durch Tolkienpublikationen ausgewiesene Fachfrau/Fachmann die bessere Wahl dargestellt; zehn Topleute zusammenzubekommen, wäre sicher nicht schwer gewesen. Der Eindruck mangelnder Tolkienexpertise entspringt aber nicht nur geringer Bekanntheit in der Tolkienforschung, sondern vor allem dem Umstand, dass die zitierte Literatur von barer Unkenntnis der Forschungslage zeugt.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, wird einmal Shippey zitiert und es gibt ein Zitat aus Jane Chance Tolkien's Art. Keine Verlyn Flieger, kein Patrick Curry, kein Matthew Dickerson (deren wichtigste Bücher waren 2003, als das englische Original erschien, alle schon draußen) - ???. Und Tolkien selbst kommt auch kaum zu Wort, denn außerhalb von Nennungen des HdR, des Silmarillion und des Hobbit gibt es zusammen eine Handvoll Zitate aus den Lost Tales, der History und den Briefen sowie ein (!) Zitat aus On Fairy-stories, dem philosophischen (!) Werk Tolkiens par excellence. Diese Missachtung der Forschungsliteratur geht bei einer ernstzunehmenden Anthologie nun gar nicht.

Ein Wort noch zur Umsetzung des Bandes: Diese ist auf gewohnt hohem Klett-Cotta-Niveau, was die Ausstattung, vor allem aber die gute Übersetzung angeht: Es ist nicht nötig, die Artikel im amerikanischen Original zu lesen. Was Klett-Cotta sich da allerdings an Untertitel geleistet hat, ist schon ein bisschen peinlich, gehört es doch von der Diktion her („Klüger werden mit ...“) eher auf die Beraterseiten einschlägiger Jugendmagazine. Aber vielleicht war das auch beabsichtigt, denn das Niveau ist, wie gesagt, ähnlich jener Periodika. Für den deutschen Untertitel sind die Herausgeber jedoch nicht verantwortlich, die das Buch im Original mit „One Book to Rule Them all“ untertitelten. Wenn aber auch der Untersuchungsgegenstand HdR pfiffig mit „ein Buch, die anderen zu beherrschen“ beschrieben wäre, so gilt dies in keiner Weise für den vorliegenden Sammelband, der keine bleibenden Spuren in der Tolkienforschung hinterlassen wird und zu dem es auch für den interessierten Laien reichliche Alternativen, auch in deutscher Sprache, gibt.

 

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