von André Gand
veröffentlicht am 21.11.2009
Anke Eißmann ist unter Tolkien-Freunden vor allem für ihre Illustrationen zu Tolkiens Werken bekannt. Nach dem Studium der Visuellen Kommunikation in Weimar verbrachte Anke ein Jahr am Colchester Institute (UK), um ihre Fertigkeiten in Grafikdesign weiter auszubauen. Momentan lehrt sie Kunst am Johanneum Gymnasium in Herborn. Ihre Illustrationen und Zeichnungen sind immer wieder in verschiedenen Büchern gefragt und zu bewundern. Einige von Ankes Illustrationen und weitere Informationen über sie sind auch auf ihrer Website unter anke.edoras-art.de zu finden.
In diesem Interview spricht Anke über ihre Beziehung zu Tolkien und dessen Werk, über ihre Leidenschaft zum Zeichnen sowie über die von ihr gestaltete Luxusausgabe der „Dragon Episode“ des Beowulf, die bei Walking Tree Publishers herausgegeben wird. Die Fragen stellte André Gand.
André: Wie bist Du zu Tolkien gekommen?
Anke Eißmann: Weihnachten 1991 habe ich zum ersten Mal den Bakshi-Film Der Herr der Ringe gesehen, der mich dazu angeregt hat, den Herrn der Ringe zu lesen - in erster Linie um herauszufinden wie es weitergeht. Während des Sommerurlaubs 1992 in Dänemark war ich dann am Ende des 4. Buches angekommen, im Kapitel „Die Treppen von Cirith Ungol“. Und da hat irgendwas „klick“ gemacht. Das Buch hatte mir von Anfang an sehr gut gefallen, vor allem auch weil es irgendwie Elemente von Geschichten, die mich im Vorfeld schon inspiriert und berührt hatten, enthielt. Aber ab diesem Kapitel hatte es mich endgültig gepackt. Kurz darauf hatte ich den Herrn der Ringe fertig und habe angefangen, mich nach weiteren Büchern von Tolkien umzuschauen. Als ich anfing, die Bücher auf Englisch zu lesen, öffnete sich eine noch viel größere Welt an Primär- und vor allem Sekundärliteratur. Naja, und ab da nahm das Verhängnis dann seinen Lauf... Irgendwann standen meine Bilder im Internet, worauf mich ein gewisser Herr Bülles von der Deutschen Tolkien Gesellschaft zur Ausstellung auf einer obskuren Veranstaltung namens „Tolkien Thing“ eingeladen hat. Das war im Jahr 2000. Ich habe dann auch gleich das Mitgliedsformular bei der DTG unterzeichnet. Im gleichen Jahr war ich dann auch erstmalig beim Oxonmoot in Oxford. Weitere Veranstaltungen folgten, die bedeutendste war sicher „Tolkien 2005“ in Birmingham. Und ein Ende ist nicht in Sicht.
André: Deine Illustrationen zu Tolkiens Werken sind weltweit bekannt. Wie hat das alles angefangen? Gab es eine bestimmte Textstelle in Tolkiens Werk, die Dich besonders inspiriert hat?
Anke Eißmann: Eigentlich habe ich fast sofort angefangen, Bilder zum Buch zu zeichnen und zu malen. Das hatte ich auch vorher schon bei anderen Büchern getan, war mir also nichts Neues, sondern vielmehr eine Möglichkeit, meine Gedanken zu dem Gelesenen in eine kommunizierbare Form zu bringen. Das Schöne bei Tolkien ist (für den Künstler), dass man ganz viele verschiedene Elemente in den Bildern unterbringen kann, je nachdem, was einen so interessiert. Als ich damals anfing, Bilder zu HdR zu zeichnen, war ich in dieser Teenager-typischen Pferdephase. Ganz wunderbar: Pferde und Ponys gibt es im Buch ja genug. Daher malte ich zu Anfang eher Szenen, die etwas mit den Vierbeinern zu tun hatten. Die Hobbits, Menschen, Elben, Zwerge etc. kamen dann nach und nach immer mehr dazu. Eine bestimmte Stelle hat es nicht gegeben, obwohl es einige Passagen (nicht nur im Herrn der Ringe) gibt, die ich schon mehrmals illustriert habe und zu denen ich immer wieder zurückkehre. Und bestimmte Charaktere - ich glaube, meine Präferenzen diesbezüglich sind hinlänglich bekannt und durch viele Bilder eines gewissen jüngeren Bruders Boromirs belegt.
André: Tolkien hat auch eigene Illustrationen zu seinen Werken angefertigt, die meisten davon finden wir gesammelt in J.R.R. Tolkien. Artist and Illustrator (hg. Wayne G. Hammond und Christina Scull). Sind Tolkiens eigene Zeichnungen für Dich auch Inspiration gewesen?
Anke Eißmann: Erst vor kurzen habe ich auf der Ring*Con einen Vortrag über Tolkien als Künstler gehalten, habe mich also eingehend mit seinen künstlerischen Arbeiten beschäftigt. Ich mag seinen Stil sehr gerne - da ich auch viel mit Aquarell arbeite weiß ich, wie herausfordernd das sein kann, und schätze seine Arbeiten um so mehr. Außerdem nutze ich sie immer wieder als Referenz, z.B. seine Ansicht von Beutelsend, oder die Númenórischen Teppiche oder generell die Ornamente, die er entworfen hat. In einigen meiner Bilder wird man vor allem letztere wiederentdecken können. Das Buch Pictures by Tolkien war eins der ersten Sekundärwerke, die ich nach der Erstlektüre des Herrn der Ringe erwarb.
André: Gibt es eine Deiner eigenen Tolkien-Illustrationen, auf die Du besonders stolz bist oder die Du besonders gerne magst?
Anke Eißmann: Es gibt zwei Bilder aus meiner Bilderserie „The Lay of Leithian“ aus History of Middle-earth, Vol. 3: The Lays of Beleriand, die ich selbst nach vielen Jahren noch sehr gelungen finde. Dabei handelt es sich um „Lúthien prepares her escape from Hírilorn“ und „Beren recovers a Silmaril“. Beide Bilder sind innerhalb weniger Tage entstanden - immer ein gutes Zeichen dafür, dass die Inspiration so richtig brummt.
André: Mal von den Tolkien-Illustrationen abgesehen: Welche anderen künstlerischen Interessen hast Du?
Anke Eißmann: Ich interessiere mich generell für mythologische und historische Themen, von daher bewegen sich auch viele meiner Arbeiten in diesem Bereich. So habe ich in der letzten Zeit u.a. Bücher über griechische Sagen, Märchenbücher und ein Bilderbuch über „Sisi“ von Österreich illustriert, außerdem drei Bände von Naomi Noviks Temeraire-Serie, die zur Zeit der Napoleonischen Kriege spielt und historische Ereignisse mit Fantasy-Elementen (Drachen) mischt. Außerdem interessiere ich mich für historisches Reenactment, sowohl vom Recherche - als auch vom praktischen Aspekt her, was in einigen selbst genähten mittelalterlichen und demnächst einem Napoleonischen Kostüm resultiert hat. Eine weitere Sparte, die mich sehr interessiert, ist der Zeichentrickfilm. Während meines Studiums habe ich einiges in dieser Richtung gemacht, aber im Moment fehlt mir leider die Zeit dazu, in diesem Bereich wieder aktiv zu werden.
André: Das altenglische Versepos Beowulf ist eng mit Tolkien verknüpft und bei Walking Tree Publishers erscheint eine Luxusausgabe der „Dragon Episode“ des Beowulf, in deren Herstellung Du stark involviert warst. Kannst Du uns etwas mehr über diese Luxusausgabe erzählen? Wie kam es zu der Idee, diese herauszugeben?
Anke Eißmann: Eigentlich existiert die Ausgabe schon seit mehreren Jahren, genauer gesagt sein 2003. Es handelt sich dabei um meine Abschlussarbeit des BA (Hons) Art & Design Kurses am Colchester Institute in Colchester, England, im Bereich Grafikdesign. Nach Abschluss meines Studiums an der Bauhaus Universität in Weimar, Thüringen, verbrachte ich noch ein Jahr am Colchester Institute (ich hatte dort auch schon ein Auslandssemester gemacht), um mich mehr auf Grafikdesign und Illustration zu konzentrieren. Da ich mich seit der Lektüre von Tom Shippeys The Road to Middle-earth sehr für Altenglisch und somit auch für Beowulf interessiert hatte, und darüber hinaus Sutton Hoo, ein angelsächsisches Gräberfeld mit wunderschönen Fundstücken nicht weit von Colchester entfernt liegt, entschloss ich mich das Gedicht zu illustrieren und eine Ausgabe zu gestalten. Dabei stand von Anfang an fest, dass ich sowohl die original altenglische sowie eine Versübersetzung verwenden würde. Bei letzterer fiel die Wahl auf jene von John Porter, die mir am besten gefiel. Zum Zweck des Abschlussprojekts entstand ein handgebundenes Einzelstück des Buches. Und dann hat sich ein paar Jahre lang nichts getan. Ich hatte immer den Hintergedanken zu versuchen, das Buch bei einem Verlag unterzubringen. Aber die Suche erwies sich als schwierig, da das Buch aufwendig zu produzieren wäre, und nicht unbedingt dem „Mainstream“ entspricht. Auf der Buchmesse 2008 kam mir dann die Idee, Walking Tree Publishers anzusprechen. Der Verlag hatte schon einige meiner Tolkienillustrationen als Titelbilder für seine Publikationen verwendet, sowie auch weitere Zeichnungen, z.B. für Roots and Branches von Tom Shippey. Da sich die Einleitung meines Buches auf Tolkien bezieht, hoffte ich, dass genügend Bezug zum Werk des Professors vorhanden sein würde, damit WTP sich Beowulf and the Dragon annehmen, und auch dass sie gewillt wären, auf das Risiko der Produktion und Finanzierung einer solchen „Luxusausgabe“ einzugehen. Immerhin ist das Buch etwas anders geartet als ihre anderen Publikationen. Wie auch immer, WTP haben mich gleich unterstützt, und gemeinsam haben wir dann die weitere Vorgehensweise ausgetüftelt. Ich bin sehr dankbar für ihre Beratung, vor allem Thomas Honeggers Durchsicht und Korrektur des altenglischen Textes. Ein schöner Umstand ist, dass uns John Porter gleich die Erlaubnis erteilt hat, seine Übersetzung auch für die veröffentlichte Version zu verwenden. Ich hatte hier Befürchtungen wegen Copyrightproblemen gehabt. Und besonders froh bin ich über die Tatsache, dass sich Tom Shippey bereit erklärte, eine Einleitung zu schreiben. Dies ist besonders erfreulich auf Grund der Tatsache, dass sein Buch The Road to Middle-earth mich dazu brachte, mich überhaupt mit Beowulf zu beschäftigen.
André: Die Ausgabe beinhaltet die sog. „Dragon Episode“ des Beowulf. Kannst Du uns kurz berichten, worum es darin geht und weshalb genau diese für das Buch ausgewählt wurde. Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb man nicht den gesamten Beowulf benutzt hat?
Anke Eißmann: Naja, der war einfach zu lang. Es war von Anfang an klar, dass die Illustration und Gestaltung des kompletten Beowulfs den Rahmen der Abschlussarbeit sowohl vom Umfang als auch vom zeitlichen Aufwand her sprengen würde. Wir hatten ja nur ca. drei Monate Zeit, die Recherche ausgeklammert. Zuerst hatte ich überlegt, mich auf den ersten Teil mit Beowulf und Grendel zu konzentrieren. Aber ich habe schnell herausgefunden, dass dieser Teil schon häufiger illustriert oder in Filmen oder Serien zitiert wurde. Außerdem fand ich die Drachenepisode immer etwas interessanter, und irgendwie „tolkienesquer“ durch ihre Bezüge z.B. zum Hobbit. Dieser Teil handelt davon, dass der alternde Held Beowulf einen Drachen bekämpfen muss, der sein Land verwüstet nachdem ein Dieb ihm einen goldenen Becher gestohlen hat (hört sich irgendwie bekannt an, oder?). Beowulf zieht mit seiner Truppe los, aber als es zum Kampf kommt, steht ihm nur der junge Krieger Wiglaf bei, die anderen Krieger fliehen. Beowulf tötet den Drachen, wird aber selbst auch tödlich verwundet.
André: Wonach hast Du die Motive für die Beowulf-Ausgabe ausgewählt?
Anke Eißmann: Zum einen wollte ich, dass die Bilder in relativ gleichen Abständen im Text verteilt sind. Dann habe ich natürlich geschaut, welche Stellen in der Geschichte besonders wichtig sind oder welche sich gut darstellen lassen. Meistens habe ich schon während der Lektüre einer Geschichte oder eines Buches bestimmte Ideen. Manchen Szenen „springen“ einen regelrecht an, und das war hier auch so (wie z.B. die Szene mit Wiglaf im Vordergrund und den furchtsamen Kriegern im Hintergrund). Außerdem wollte ich zusätzlich Zeichnungen von authentischen historischen Gegenständen unterbringen, um der eher fantastischen Geschichte eine gewisse „Erdung“ zu verleihen. So basiert z.B. die Zeichnung des gestohlenen Bechers auf einem Fund aus Jelling, Dänemark, aus der Wikingerzeit - also ungefähr aus der Entstehungszeit des Gedichts.
André: Werke von Walking Tree haben oft einen von Dir gestalteten Einband. Können wir uns auf weitere Zeichnungen von Dir freuen, die demnächst Bücher von Walking Tree ausschmücken?
Anke Eißmann: Demnächst wird bei WTP Music in Middle-earth herauskommen, welches ein eigens für dieses Buch kreiertes Titelbild aus meiner Hand hat. Außerdem wird es ein Buch von Judith Klinger mit einer meiner Zeichnungen auf dem Einband geben. Und danach ... mal sehen. Ich denke, hier können WTP mehr Auskunft geben. Ich stehe ihnen jederzeit zur Verfügung.
Beowulf and the Dragon
Zürich, Bern: Walking Tree, [Dezember] 2009.
[Hardcover, ISBN 978-3-905703-17-7]
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