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Interview mit Helmut Pesch

von André Gand
veröffentlicht am 20.10.2006


Helmut W. Pesch
(Photo: Elke Sander)

Helmut W. Pesch, geboren 1952, studierte Anglistik, Kunstgeschichte sowie klassische Archäologie und promovierte mit der ersten deutschsprachigen Studie über Fantasy-Literatur: Fantasy: Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung. Seit 1987 ist er Lektor der Verlagsgruppe Lübbe und ist außerdem als Illustrator, Übersetzer und Autor tätig. Unter anderem verfasste er zwei Bücher zu Tolkiens Elbensprachen und gab die deutsche Ausgabe von Fosters Das große Mittelerde Lexikon heraus, welches von ihm komplett überarbeitet und speziell für die Belange der deutschsprachigen Leser angepasst wurde. Weiterhin stammen aus Peschs Feder einige Fantasybücher, etwa Die Ringe der Macht oder Die Kinder der Nibelungen. Momentan arbeitet Pesch u. a. an der deutschen Übersetzung von T. A. Shippeys The Road to Middle-earth, welches in deutscher Sprache erstmals im Herbst 2007 im Verlag Klett-Cotta erscheinen wird. Weitere Informationen sind auch unter www.helmutwpesch.de zu finden.

Wir freuen uns, dass Helmut W. Pesch sich die Zeit genommen hat, einige Fragen zu beantworten. Die Fragen stellte André Gand von tolkien-buecher.de.

André: Wie bist Du zu Tolkien gekommen?

Helmut W. Pesch: Als ich den Herrn der Ringe das erste Mal las, setzte gerade Neil Armstrong seinen Fuß auf den Mond. Ich hatte Ende 1968 Kontakt mit Hubert Strassl (später bekannt unter dem Autorennamen Hugh Walker) und dem damals noch jungen Fantasy-Club FOLLOW aufgenommen. Hubert bestellte englische Taschenbücher bei einem New-Yorker Händler, Richard Witter. Die komplette Fantasy-Leseliste umfasste damals gerade eine halbe A-4-Seite. Hugh hat für mich ein paar Bücher mitbestellt, wegen der Portokosten, und ich hatte unter anderem The Fellowship of the Ring auf meine Liste gesetzt. Er besorgte mir dann die gleich auch beiden nächsten Bände - „Du wirst die anderen dann auch lesen wollen“ -, und ich war zunächst etwas sauer, denn die ACE-Taschenbücher kosteten 75 Cent das Stück (der Dollar stand bei DM 4,20), viel Geld für einen Schüler. Ich fuhr dann 1969, kurz vor meinem 17. Geburtstag, drei Wochen in Kur und nahm mir die drei Bände mit, die ich dann dort gelesen habe. Und, wie gesagt, während dieser Zeit war die erste Mondlandung. Ansonsten fand ich Conan interessanter als Frodo...

André: Wie bist Du dazu gekommen, Texte zu Tolkien/Mittelerde zu schreiben?

Helmut W. Pesch: Zunächst wollte ich in Kunstgeschichte promovieren, mit einem Thema aus der englischen Kunsttheorie des 18. Jahrhunderts. Während eines Aufenthalts in der British Library, London, skizzierte ich dort im alten Lesesaal das Konzept meiner späteren Doktorarbeit über Fantasy. Damals gab der Corian-Verlag eine Reihe von Sammelbänden mit Aufsätzen zu einzelnen SF- und Fantasy-Autoren heraus, und da ich mit ein paar Leuten aus der SF-Szene Kontakt hatte, kam man auf mich zu, einen solchen Band zu Tolkien zusammenzustellen. Das Ergebnis war J. R. R. Tolkien - der Mythenschöpfer, das bestimmt vielen dankbaren Studenten als erste Materialsammlung zum Thema gedient hat, vor allem weil es lange neben Dieter Petzolds Buch das einzige auf Deutsch zu Tolkien war. Ich habe dann angefangen, systematisch Material zu Tolkien zu sammeln, da Fantasy komplett zu sammeln ins Uferlose ging. Es gab damals Interesse vor allem von kirchlichen Akademien am Thema „Fantasy“, und daraus entstanden einige Aufsätze zu Tolkien. Das große Mittelerde-Lexikon von Robert Foster wurde dem Verlag angeboten, als der erste Film sich abzeichnete, und ich meinte, na ja, ich würde das gern übersetzen, aber man müsste es auf den neuesten Stand bringen. Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich da einließ. Und als man sich fragte, was machen wir zum zweiten Film, meinte ich, ich hätte da noch diese Materialsammlung über die Elbensprachen...

André: Was bedeuten Tolkiens Werke für Dich?

Helmut W. Pesch: Fantasy im Allgemeinen und Tolkiens Werk im Besonderen ist für mich so etwas wie ein Lebensthema geworden. Ich bilde mir ein, eine relativ gute Vorstellung davon zu haben, wie Tolkien „getickt“ hat, zumal ich, wenn auch einer anderen Generation angehörig, einiges von seinem Background teile: stockkatholische Jugend, Schulbildung in Latein und Griechisch, Studium der englischen Philologie (mit Alt- und Mittelenglisch), Tätigkeit als Sprachwissenschaftler an der Universität, auf der einen Seite pedantisch genau bis zum Perfektionismus, auf der anderen Seite kreativ (und niemals glücklich mit diesem Dilemma). Um Tolkien zu verstehen, muss man ein bisschen von seiner Verrücktheit teilen, und ich bewundere ihn, vor allem, weil man bei seinem Werk an irgendeiner Stelle zu graben anfangen kann, und man findet immer noch was. Zugegeben, dieses Interesse geht in Wellen, aber ganz loslassen wird es mich wohl nie.

André: Was würdest Du Tolkien heute fragen/sagen, wenn Du die Gelegenheit hättest?

Helmut W. Pesch: Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Das mag verwundern, aber ich habe so viele Antworten noch nicht verarbeitet, die er gegeben hat.

André: Wenn Du eine Person in Mittelerde sein könntest, welche wäre das (und warum)?

Helmut W. Pesch: Wie ich an anderer Stelle spontan gesagt habe: „Elrond. Allein diese Bibliothek ...“ Ich glaube, jeder, der sich wissenschaftlich mit Tolkien beschäftigt, fühlt eine gewisse Geistesverwandtschaft mit Elrond. Überall dabei gewesen zu sein, wenn auch oft nur am Rande, und die Erinnerung weiterzutragen - und dann auf einmal wieder mitten in der Geschichte zu stehen. Ansonsten fühle ich mich, trotz der Elbisch-Bücher, eher zu den Menschen hingezogen als zu den Elben. Ich könnte mir vorstellen, mich als einer der Waldläufer des Nordens zu verorten oder als einer der Menschen von den Drei Häusern der Edain im Ersten Zeitalter. Es ist bedauerlich, dass Tolkiens Projekt seiner späten Jahre, Geschichten über Mittelerde zu schreiben, die nicht elben-, sondern menschenzentriert sind, nicht über ein paar Fragmente hinausgekommen ist. Darin, glaube ich, hätte ich mich wiedergefunden.

André: Welches ist Deine liebste Tolkien-Geschichte/-Textstelle?

Helmut W. Pesch: Als ich Mitte der 70er-Jahre in Glasgow studierte, machten wir auf der Rückfahrt Station bei Daphne Waters in London, die, mittlerweile verstorben, zu den aktiven Mitgliedern der Tolkien Society gehörte. Dort gab es eine Session, bei der wir uns, unterbrochen von einem Imbiss, die vier Stunden des ersten Audio-Buchs von The Hobbit anhörten - auf Langspielplatten, Sprecher: Nicol Williamson. Als die Stelle kam: „There lay Thorin Oakenshield, wounded with many wounds ...“, waren wir alle den Tränen nahe. Ansonsten gibt es da im Herrn der Ringe die Stelle, wo Sam ganz allein in Mordor sich einer unlösbaren Aufgabe gegenübersieht, und er singt ein Lied der Hoffnung, nicht der Verzweiflung, das mit den Zeilen endet: „... I will not say the day is done / Nor bid the stars farewell.“ Dieses Lied hat mir persönlich immer sehr viel bedeutet.

André: Was machst Du (beruflich oder privat), wenn Du nicht gerade über Tolkien schreibst?

Helmut W. Pesch: Ich bin Lektor mit Schwerpunkt Belletristik in der Verlagsgruppe Lübbe (Gustav Lübbe Verlag, Ehrenwirth, Bastei-Lübbe-Taschenbücher etc.). Ich war früher einmal SF- und Fantasy-Redakteur, aber seit fast zwanzig Jahren beschäftige ich mich beruflich hauptsächlich mit Thrillern und historischen Romanen. Unter anderem betreue ich die deutschen Ausgaben von Ken Follett. Ich war auch mehrere Jahre Betriebsratsvorsitzender und in der Gewerkschaft (Tarifkommission NRW) aktiv. Nebenbei arbeite ich als Autor und Übersetzer. Ich pflege drei Webseiten, die ich selbst entworfen habe, sitze zu viel am Computer, und ab und zu bemale ich noch Zinnfiguren. Früher habe ich viel gezeichnet, vor allem Fantasy-Landkarten, aber dazu komme ich kaum noch. Ich bin im Vorstand der Altherrenschaft einer nichtschlagenden Studentenverbindung -- und last but not least habe ich auch noch eine Familie. Und geh ab und zu mal schwimmen. Und ins Kino. Und...

André: Wie stehst Du zur Jackson-Verfilmung?

Helmut W. Pesch: Ich finde sie grandios. Sie hat handwerkliche Schwächen im Detail, aber ansonsten ist sie das Beste, was man unter den ästhetischen Beschränkungen, die eine solche Multi-Millionen-Dollar-Produktion hat, daraus machen konnte. Vor allem finde ich gut, dass Peter Jackson dem Stoff keine eigene Interpretation übergestülpt hat, sondern sich redlich bemüht hat, den Stoff so zu verfilmen, wie es der Intention des Buches entspricht. Ob das wirklich der Fall ist, darüber kann man herrlich diskutieren.

André: Carroux- oder Krege- Übersetzung: Hast Du dazu eine Meinung?

Helmut W. Pesch: Die Übersetzung von Margaret Carroux ist betulich im Stil, aber für eine Übersetzung aus den späten 60er-Jahren ist sie erstaunlich textgetreu, manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu textnah. Wolfgang Krege ist, wie er selbst schreibt, darangegangen, den Stoff so zu übersetzen, wie wenn Tolkien im Jahre 2000 schreiben würde, und ich halte diese Entscheidung für falsch. Mit gleichem Recht könnte man das Original modernisieren - das im Übrigen bei seinem Erscheinen schon „altmodisch“ war. Tolkien hat Sprache ganz bewusst eingesetzt, und das Buch wie einen modernen Abenteuerroman zu behandeln, wird ihm funktional nicht gerecht. (Davon abgesehen hat die Übersetzung handwerkliche Fehler im Detail, was sie angreifbar macht, aber eher von dem Grundproblem ablenkt.) Richtig gut ist Krege bei den Dialogen der Bösen.

André: Bist Du Mitglied in tolkienbezogenen Organisationen?

Helmut W. Pesch: Ich war Gründungsmitglied des Ersten Deutschen Fantasy Clubs (EDFC), bin dort aber ausgetreten, aus Gründen, die zu erklären hier zu weit führen würde. Außerdem bin ich Mitglied der Inklings-Gesellschaft und der Deutschen Tolkiengesellschaft - zwar kein Gründungsmitglied, aber so ziemlich von Anfang an dabei, wenn auch nicht aktiv im Vereinsgeschehen. Ich habe übrigens, nebenbei erwähnt, das Logo der DTG entworfen.


Dank an Helmut W. Pesch für die Beantwortung der Fragen.
Die Internetseite von Pesch findet man unter http://www.helmutwpesch.de.

 

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