von André Gand
veröffentlicht am 28.06.2007

Myk Jung, geboren 1964 in Essen, ist Autor des 2001 erschienenen Romans Der Herr der Ohrringe und des Folgeromans Der Herr der Ohrringe II. Zu dem erstgenannten Roman liegt auch eine Hörbuchversion vor. Aus Jungs Feder stammen weitere Romane und Geschichten, wie etwa Das Flirren des Erthra-Trimen, Das Trügerische Gleißen, Der Programmierer im Restaurant und Die Karpartischen Geißeln. Eine genaue Übersicht ist auf der Website des Autors zu finden.
Seit 1984 ist Jung Sänger einiger Independent-Gruppen, wie etwa „The Fair Sex“, „Testify“ und „Nice Gods Bleed“ und veröffentlicht auch regelmäßig in Musikzeitschriften, etwa in „Gothic“ und „Sonic Seducer“.
Wir freuen uns, dass Myk Jung sich die Zeit genommen hat, einige Fragen zu beantworten. Die Fragen stellte André Gand.
André: Wie bist Du zu Tolkien gekommen?
Myk: Im Alter von zwölf Jahren habe ich „Der kleine Hobbit“ gelesen, in der Ausgabe des Georg Bitter-Verlags, mit den „ausgezeichneten“ Illustrationen von Klaus Ensikat, die meine Fantasie damals doch sehr beeinflusst haben: über Gebühr, wie ich im Nachhinein denke. Ich fand das Buch spannend, nett - doch schon damals wirkten auf mich die Andeutungen, die in ein dunkles Früher verweisen, wie z. B. die Erwähnung von Gondolin, am aufregendsten. Als ich dreizehn war, las ich dann zum ersten Mal „Der Herr der Ringe“. Ich weiß noch, dass mir die ersten Kapitel ein wenig Schwierigkeiten bereiteten, da die langatmige Entwicklung der Geschichte eine kleine Barriere zur Lesefreude bedeutete. Aber spätestens seit dem Alten Wald, Goldbeere und Tom Bombadil hatte es mich gepackt; und fiebernd las ich weiter, wünschte mir, Mittelerde zu erreichen. Meine absoluten Highlights damals (wie wahrscheinlich bis heute) waren: die Ratsversammlung in Bruchtal, die Wanderung durch Moria, die melancholische Mystik Lothlóriens, und - seltsamerweise niemals vergessen - die bleichen Blumen im vorderen Morgul-Tal; wie auch das hochgelegene, fluchwürdige Gemach im Turm von Cirith Ungol.
André: Wie bist Du dazu gekommen, Texte zu Tolkien/Mittelerde zu schreiben?
Myk: Schon beim gerade erwähnten ersten Lesedurchgang fühlte ich mich durch die Magie Mittelerdes dermaßen inspiriert, dass ich selbst erfundene, kleine Handlungsstränge aufschrieb, die die Erlebnisse der Gefährten selbstständig weitersponnen. Zuweilen traten dann auch ein, zwei neue Gestalten hinzu, die keine direkte Vorlage im HdR besaßen. Genauso war es auch, als ich ein, zwei Jahre später „Das Silmarillion“ las: Wieder erfand ich ein paar eigene Sequenzen, zu den Laiquendi, oder zu Feanor. Meistens aber umfassten diese eigenen Ideen nicht mehr als zwei, drei Seiten... Viel, viel später (fast zwanzig Jahre!) saß ich hohl und ideenlos vor dem Monitor, nachdem ich gerade erkannt hatte, dass eine zuvor begonnene Geschichte wirklich festgefahren und inspirationsarm war, und beschloss dann, einfach mal die Finger tippen zu lassen - ob sie vielleicht bessere Ideen hätten als ich. Am Ende der ersten Seite stellte ich fest, dass ich mich am Beginn einer Parodie des Herrn der Ringe befand... so entstand „Der Herr der Ohrringe“. Ich überließ meinen Fingern die Arbeit und musste selbst immer wieder lachen, was sie so zustande brachten... Zwischenzeitlich aber zwickte mich immer wieder ein unangenehmer Gedanke: Ich hatte doch gar nicht vorgehabt, das hehre Buch meiner Verehrung dermaßen durch den Kakao zu ziehen! Und als selbst die von mir angebetete Arwen als emotionslose Avon, die sich in Stylingfragen auskennt, ins Spiel kam, wollte ich schon alles wieder löschen. Ich tat's aber nicht. Ich glaube, auch im „Herrn der Ohrringe“ fühlt man die Verbundenheit des Autoren mit dem Original... zumindest hoff ich's.
André: Was bedeuten Tolkiens Werke für Dich?
Myk: Sie sind der Eintritt in Welten, deren wahrhaftigen, wirklichen und realen Eingang man immerzu sucht. Ganz ehrlich! Wäre es nicht herrlich, durch eine mondbeschienene Frühlingsnacht zu tapsen, und hinter einem hell erstrahlten Hügel ein magisches Tor zu finden? Und dahinter... liegen die Küstengefilde von Forlindon, oder die sanften Hügel, die sich südlich der Ruinen von Annúminas im Mondlicht räkeln... Wär' doch was!
André: Was würdest Du Tolkien heute fragen oder sagen, wenn Du die Gelegenheit hättest?
Myk: Ich würde ihm einfach zeigen, was es heutzutage an Literatur, an Filmen, Dokumentationen, an Zweitliteratur, an Kunst, Performances gibt, die sich allesamt mit seiner geschaffenen Welt befassen. Ich denke, das Ausmaß all dieser Phänomene übertrifft ja bei weitem den Stand von 1973, den er noch miterleben durfte. Dass es heutzutage Menschen gibt, die Sindarin und Quenya beherrschen, die die Runen der Zwerge deuten, die den Film zwanzigmal gesehen, das Buch mindestens so oft gelesen haben, das würde ihn womöglich doch schon zum Staunen bringen. Ich würde mit ihm die Bücher durchstöbern, den Film anschauen - vielleicht am Ende anmerken: „Na, das ist doch mal ein Lebenswerk, welches sich gelohnt hat, zu erschaffen, eh? Stolz wie Oskar?“ Und ich würd' ein paar Fragen zum Silmarillion stellen und zum Film: worüber er sich womöglich ärgert, was er anders gemacht hätte... und ob die visuelle Opulenz des Films nicht sogar an ein, zwei Stellen über sein eigenes inneres Bild hinaus zu gehen vermag (Lothlórien, z.B.)... Irgendsowas, wahrscheinlich.
André: Wenn Du eine Person in Mittelerde sein könntest, welche wäre das (und warum)?
Myk: In frühen Jahren wollte ich immer Aragorn sein. Ich fand ihn (womöglich wenig überraschenderweise) am coolsten. Vielleicht weil er die schönste Frau der Welt ergattert - oder weil er (im Gegensatz zu seiner Darstellung im Film) sein Schicksal und seine Bürde immerzu angenommen hat, vorbildlich ringt, kämpft, unbeirrbar glaubt... Aber wäre es nicht noch interessanter, Gandalf zu sein? Immerhin kennt er Arda seit Beginn ihrer Erschaffung; und im Gegensatz zu (z.B.) Manwe erlebt er auch mal ordentlich was...
André: Welches ist Deine liebste Tolkien-Geschichte oder Textstelle?
Myk: Ich weiß auch nicht warum, und zuvor ließ ich es schon mal anklingen: Es ist die Stelle, da Frodo, Sam und Gollum das Morgul-Tal erreichen. Wunderbare atmosphärische Dichte! „So kamen sie langsam zu der weißen Brücke. Hier überquerte die schwach schimmernde Straße den Bach in der Mitte des Tals und zog sich in Windungen hinauf zum Tor der Stadt: eine schwarze Öffnung im äußeren Ring der nördlichen Wälle. Breite Niederungen erstreckten sich auf beiden Ufern, schattige Wiesen voll blasser, weißer Blumen. Leuchtend waren auch sie, schön und dennoch von schauerlicher Form; wie Wahngebilde in einem unruhigen Traum...“ und so weiter. Es ist wie die Beschreibung eines Alptraums, wie die Beschreibung eines dunklen Einschnitts in ein Gebirge: Etwas, das ich zu kennen oder zu erkennen glaube, was mich an irgendwas erinnert; leider weiß ich nicht, an was. Und dass die Straße schwach schimmert... Meiner Treu, warum nur schimmert sie, schwach es wohl sein mag?
André: Was machst Du (beruflich oder privat), wenn Du nicht gerade über Tolkien schreibst?
Myk: Ich mache Musik, zumeist eher im dunklen Sektor (in Bands wie The Fair Sex, Testify, Schuldt). Ich schreibe für Musikmagazine, ebenso wie Bücher, die nicht direkt mit Tolkien im Zusammenhang stehen.
André: Wie stehst Du zur Jackson-Verfilmung?
Myk: Als ich den ersten Teil sah, war ich schon an der einen oder anderen Stelle überrascht, zeitweilig erschrocken, wie sehr die Story-Line gebeugt worden war - auch verdutzt, wie viele Passagen man wohl auszulassen gezwungen war. Doch die visuelle Opulenz, wie schon erwähnt, war betörend; teilweise übertraf sie die Visionen in meinem Innern (Moria/Lothlórien). Im zweiten Teil verstärkte sich der Eindruck, und bei manchen Schleifen der Erzählung weiß ich immer noch nicht, warum sie vorgenommen worden sind. Doch ich beruhigte mich mit einem einzigen Gedanken: Dies sind hervorragende, optisch fantastisch umgesetzte Filme, die auf dem Herrn der Ringe basieren! Fertig. Ohne den geringsten Schatten einer Trübung konnte ich hernach den dritten Teil genießen. Und obendrein: die Extended Versions versöhnen immer wieder, zumindest ein bisschen, jeden eingefleischten und zuvor möglicherweise etwas vergnatzten Fan.
André: Carroux- oder Krege- Übersetzung: Hast Du dazu eine Meinung?
Myk: Auf jeden Fall! Die Carroux-Übersetzung ist es! Natürlich sind der Übersetzerin einige Fehler unterlaufen, damals in den Frühen Zeitaltern. Sie konnte ja auch nicht auf jenes Basiswissen zurückgreifen, das Krege, als echtem Kenner der Materie, zur Verfügung stand; und es mussten ja auch noch etliche Jahre vergehen, bis z. B. „Das Silmarillion“ herauskam, was ja einiges zum Verständnis zahlloser Passagen beiträgt. Die Krege-Übersetzung habe ich nie in vollem Umfang durchgelesen, da sie für mich schlichtweg unerträglich war. Zwischendurch musste ich denken, was wahrscheinlich zahllose dachten: Was haben sie sich nur dabei gedacht? Und ich musste denken, was wahrscheinlich nicht so viele gedacht haben, nämlich: „Der geht ja respektloser mit dem Material um als dieser Myk Jung, der einfach diese als Hommage getarnte Verballhornung »Der Herr der Ohrringe« schreibt!“ Krege hat sich mit vielem verdient gemacht um die Verbreitung der Tolkienschen Gedankenwelt, in meinen Augen allerdings nicht mit dieser Übersetzung. Allein der Grundgedanke (der ja wohl sein mochte, den „Herrn der Ringe“ ein wenig aufzupeppen, den modernen Zeiten und neuen Lesergenerationen näher zu bringen...) - dieser Gedanke ist erstaunenswert arm und jämmerlich, womöglich aus nackter Furchtsamkeit geboren, mit der „veralterten“ Übersetzung nicht genug Bücher zum bevorstehenden Hype der Filmveröffentlichungen zu verkaufen. Aber ist es nicht gerade das Merkmal der Altertümlichkeit, das Generationen nach Mittelerde zog? Was für ein unfassbar törichter Grundgedanke, der da offenbar in den Verlagsräumen von Klett-Cotta Einzug gehalten hatte! Sie scheinen keine wahren HdR-Anhänger zu sein. Und: „das Balrog“!! Das „Caradhras“! Und die „schlimme Post“!! Ich konnte es nicht fassen. Unsäglich. Ich habe mir die Mühe gemacht, einige Kapitel simultan im englischen Original, in der alten und neuen Übersetzung zu lesen, und zwar Satz für Satz; habe dann meine Analysen auf irgendwelche Zettelchen geschrieben, die ich nicht mehr finde. Was nicht wichtig oder bedauerlich ist. Ich gewann den Eindruck, dass Herr Krege bemüht war, jeden, in der Tat jeden Satz der Carroux-Übersetzung zu verändern! Und bei allem Respekt: dies roch nach Profilierungssucht. So schlecht konnte die alte Übersetzung ja auch nicht sein.
André: Bist Du Mitglied in tolkienbezogenen Organisationen?
Myk: Ich bin seit einigen Jahren Mitglied der Deutschen Tolkien Gesellschaft. Gerade die Mitarbeiter der Kölner Riege um Marcel Bülles waren mir immer eine große Hilfe in den Jahren des „Herrn der Ohrringe“, wofür ich ihnen sehr dankbar bin.
Dank an Myk Jung für die Beantwortung der Fragen.
Myks Internetseite ist unter http://www.mykjung.de/ erreichbar.
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