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Interview mit Stephan Askani über Sigurd und Gudrún

von André Gand
veröffentlicht am 27. Juni 2010


Stephan Askani
(Photo: Klett-Cotta)

Stephan Askani ist Lektor im Verlag Klett-Cotta und dort unter anderem für die deutschen Ausgaben von Tolkiens Werken sowie weitere Fantasytitel zuständig. Er studierte Rhetorik sowie neue deutsche Literatur und Philosophie in Tübingen und Paris.

In diesem Interview spricht er über die bevorstehende Veröffentlichung der deutschen Übersetzung von Tolkiens Werk Die Legende von Sigurd und Gudrún.

André: The Legend of Sigurd and Gudrún stammt aus dem Nachlass von Tolkien und erschien in englischer Sprache erst letztes Jahr. Stand gleich fest, dass Klett-Cotta eine deutsche Übersetzung machen wird?

Stephan Askani: Uns war eigentlich sehr bald klar, dass es sich hier um ein ganz substantielles Werk Tolkiens handelt und dass The Legend of Sigurd and Gudrún unbedingt auf Deutsch erscheinen muss. Da Klett-Cotta Tolkiens Verlag in Deutschland ist, gab es da kein Zögern.

André: Tolkien hat den in Versform verfassten Text penibel dem Versmaß der Lieder-Edda nachempfunden. Inwieweit können wir in der deutschen Übersetzung mit einer ähnlichen Versform rechnen?

Stephan Askani: In der Tat ist der Rhythmus, die Kraft und „Wucht“ der Sprache eines der zentralen Momente, die dieses Werk auszeichnen. Deshalb hat die deutsche Übersetzung ganz klar die Zielsetzung, den Originaltext in der Gesamtheit seines Charakters und seiner einzigartigen Qualität einschließlich des Versmaßes nachzubilden.

André: Wie aufwendig war die Suche nach einem Übersetzer für dieses Werk und wie aufwendig gestaltete sich dann das Lektorat bzw. die Übersetzung selbst? Nachfragen beim Autor kann man in diesem Fall ja nicht stellen.

Stephan Askani: Für die Suche nach einem geeigneten Übersetzer waren verschiedene Kriterien maßgeblich. Er sollte sowohl ein Gespür für die Sprachkraft Tolkiens haben, den Stoff der Edda und der Wölsungensaga und Tolkiens Verhältnis dazu auch in den Details kennen und verstehen, wie auch die Bedeutung, die dieses Werk innerhalb von Tolkiens Schaffen auch in seinen Bezügen zu Mittelerde und vielen Handlungsmotiven einzuschätzen wissen.
Es war darüber hinaus sehr hilfreich, dass der Tolkienexperte Tom Shippey dem Übersetzer Hans-Ulrich Möhring und dem Verlag in vielen Einzelfragen mit gutem Rat zur Seite stand.

André: Eine wörtliche Übersetzung bei gleichzeitigem Einhalten der Stabreime scheint fast unmöglich. Wurde den Stabreimen Vorzug zur exakten Übersetzung des Textes gegeben?

Stephan Askani: Eine hervorragende Frage: Wir wollten tatsächlich beidem in gleichem Maß gerecht werden.
Wer etwas in den englischen Text einsteigt, kann beobachten, wie Tolkien selbst mit dieser Frage, wie und wo er seine Wortwahl dem Versmaß anpasst (oder umgekehrt) umgegangen ist. Diese Beobachtungen waren auch für unseren Übersetzer leitend.
Dass die Balance zwischen wortgetreuer Übersetzung und Form freilich eine riesige Herausforderung war, belegt nicht zuletzt die Telefonrechnung der Gespräche zwischen Lektorat und Übersetzer.
Die Arbeit von Hans-Ulrich Möhring ging dabei weit über einen gewöhnlichen Übersetzungsauftrag hinaus, sondern war nur mit sehr viel Engagement und Herzblut zu bewältigen.

André: Können Sie uns kurz beschreiben, worum es in dem Werk geht?

Stephan Askani: Es geht in diesem Werk um nicht weniger als um Tapferkeit, Liebe, Verrat und Tod.
Sigurd tötet den Drachen Fafnir, der über einem sagenumwobenem Schatz wacht, und zieht deshalb einen Fluch auf sich, er überwindet als einziger Brynhilds Feuerkreis und ist ihr einziger Bezwinger. Aus Eifersucht wird er verraten und getötet. Die trauernde Gudrún nimmt schreckliche Rache für seinen Tod.
Eine Geschichte, die alles hat, was eine „große” Geschichte auszeichnet. Tolkien und sein Freund W.H. Auden haben sie direkt neben die großen Epen Homers, der Odyssee und der Ilias, gestellt.

André: Die Legende von Sigurd und Gudrún ist anders als die Hauptwerke Tolkiens, doch lassen sich vor allem inhaltlich auch Parallelen finden. Was macht Ihrer Meinung nach den Reiz für Tolkienleser aus, in dieses neue Werk einzutauchen?

Stephan Askani: Es ist unglaublich spannend zu sehen, wie Tolkien an „Sigurd & Gudrún“ stofflich gelernt hat. So sind viele Motive - der Drache, ein sagenhafter Schatz, ein Ring, ein eigenartiger Wald - erstmals in Sigurd & Gudrún vorhanden, und von da maßgebend in allen anderen Werken zentral vorhanden. Tolkien hat ungefähr zitiert einmal gesagt, er habe das, was er erzähle, nicht erfunden sondern „gefunden“. Das beschreibt es sehr gut und macht u.a. auch seine Größe als Erzähler und Philologe aus.

André: Inwieweit könnte Sigurd und Gudrún auch wichtig für die Erforschung der Edda oder des verwandten Nibelungenliedes werden? Ich denke da auch speziell an die Lücke der Lieder-Edda, die Tolkien in seiner Fassung schließt.

Stephan Askani: Tolkien hat zu den Lücken, die die Geschichte der Vorlagen offen lässt, eine ganz eigene Haltung. Unter den Philologen ist er sozusagen der geniale Pragmatiker, der den Text der Quellen so für am glaubwürdigsten hält, wie er auch als Geschichte am ehesten einleuchtetet. Tolkien stellt sozusagen seine Philologie unter die Zielsetzung, dass daraus eine „gute“ Geschichte wird.

André: Klett-Cotta bzw. der Vorgängerverlag hat Tolkiens Werke seit der deutschen Ersterscheinung des Herrn der Ringe im Jahre 1969 im Programm. Ist Tolkien nach all dieser Zeit noch ein wichtiges Standbein des Verlags?

Stephan Askani: Tolkien ist nach wie vor der wichtigste Autor in unserem Fantasyprogramm und auch einer der ganz wichtigen Autoren von Klett-Cotta. Seine Bedeutung für den Verlag hat im Laufe der Jahre eher noch zugenommen. Eine Lesewelt ohne Tolkien scheint heute kaum noch vorstellbar.

Im Interview erwähnte Bücher

J.R.R. Tolkien, Christopher Tolkien (Hg.) und Hans-Ulrich Möhring (Übers.)
Die Legende von Sigurd und Gudrún
Stuttgart: Klett-Cotta, [20. August] 2010.
[Gebundenes Buch, ISBN 978-3-608-93795-4, 24.90 €, Amazon.de]

 

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Ab 20. August 2010 auf Deutsch

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