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Besprechung der Herr der Ringe - Ausgabe von 2009 (1. Auflage)

J.R.R. Tolkien und Margaret Carroux (Übers.)
Der Herr der Ringe
Stuttgart: Klett-Cotta, 2009.
[Gebundenes Buch, ISBN 978-3-608-93828-9, Amazon]

von André Gand
veröffentlicht am 17.11.2009

 

Tolkiens Der Herr der Ringe ist nach wie vor beliebt und Klett-Cotta hat im August 2009 eine weitere Ausgabe der Carroux-Übersetzung herausgegeben, die den von Lisa Kuppler durchgesehenen Text enthält. Der Carroux-Text wurde seit erstmaligem Erscheinen 1969/70 mehrfach überarbeitet und durchgesehen, zuletzt umfangreich vor dieser Ausgabe für die 2008 erschienene limitierte Lederausgabe.

Verglichen mit der 2008 erschienenen Ausgabe, die ebenfalls von Kuppler durchgesehen wurde, lassen sich in der vorliegenden Ausgabe weitere Verbesserungen am Text finden. Über die mögliche Motivation zu der Durchsicht von Lisa Kuppler habe ich bereits in der Besprechung der Ausgabe von 2008 genauer geschrieben - im Wesentlichen wurden dafür altbekannte Fehler oder Unschönheiten des Carroux-Textes verbessert, sowie Angleichungen des Inhalts an die 50th Anniversary Edition vorgenommen. Die 50th Anniversary Edition ist die englischsprachige Ausgabe, die der aktuellen Tolkienforschung inhaltlich am nähesten kommt.

Inhaltliches

Was sind nun die inhaltlichen Unterschiede zur Lederausgabe von 2008? Zunächst fällt auf, dass der vorliegenden neuen Ausgabe die Detailkarte „Gondor/Mordor“ beigelegt wurde und somit insgesamt zwei - die Karte von Mittelerde ist ebenfalls beigefügt - auffaltbare Karten enthalten sind. In der Lederausgabe vermisste man die Detailkarte.
Und obwohl die Lederausgabe von 2008 gründlich durchgesehen wurde, enthält sie doch hier und da textliche Fehler, einige davon sind dem Verlag bekannt geworden und wurden nun verbessert. Es folgen Beispiele:

Die Lederausgabe enthält einen Fehler, der das genaue Gegenteil eines Satzes ausdrückt. Dort sagt Sam zu Frodo:

Aber geh weiter, Herr! Geh nicht in diese Höhle! Das ist unsere einzige Gelegenheit. (HdR-2008, 794)

Im ersten Satz fehlt dort das Wort „nicht“. In der vorliegenden Ausgabe von 2009 findet man korrekt:

Aber geh nicht weiter, Herr! Geh nicht in diese Höhle! Das ist unsere einzige Gelegenheit. (HdR-2009, 794)

In Aragorns Erklärungen in dem Kapitel „Der Große Strom“ fehlen in der Ausgabe von 2008 gleich zwei ganze Sätze, die in der neuen Ausgabe nun vorhanden sind:

Wir haben ihn gefunden, aber er liegt ziemlich weit weg vom Wasser und verläuft im Schutz einer Felswand, eine Achtelmeile oder mehr vom Ufer entfernt. Wir könnten uns weit stromaufwärts quälen... (HdR-2008, 436)

Wir haben ihn gefunden, aber er liegt ziemlich weit weg vom Wasser und verläuft im Schutz einer Felswand, eine Achtelmeile oder mehr vom Ufer entfernt. Die nördliche Anlegestelle konnten wir nicht entdecken. Falls es sie noch gibt, dann sind wir wohl gestern Nacht an ihr vorbeimarschiert, ohne sie zu bemerken. Wir könnten uns weit stromaufwärts quälen... (HdR-2009, 436)

Die Korrekturen umfassen mitunter nur kleine, aber sinnverändernde Wörter - beispielsweise in der Textstelle im neunten Kapitel des vierten Buchs, die Kankra beschreibt. In der Ausgabe von 2008 lautet der Text:

Unendlich lange hatte sie dort gehaust, ein böses Geschöpf in Spinnengestalt und ebenjenes, welches einst im Lande der Elben im Westen [...] gelebt hatte, ebenjenes, gegen das Beren vor langer Zeit [...] gekämpft hatte. (HdR-2008, 796)

Das „und“ ist missverständlich und lässt vermuten, dass Beren einst gegen Kankra gekämpft habe, was allerdings nicht der Fall war. In der neuen Ausgabe steht stattdessen:

Unendlich lange hatte sie dort gehaust, ein böses Geschöpf in Spinnengestalt wie ebenjenes, welches einst im Lande der Elben im Westen [...] gelebt hatte, ebenjenes, gegen das Beren vor langer Zeit [...] gekämpft hatte. (HdR-2009, 796)

Betrachtet man allerdings die Manuskriptfassungen dieser Textstelle in HoMe 8, so wird deutlich, dass das „such“ der englischen Textstelle sich nicht auf ein einziges Spinnenwesen bezieht, sondern auf mehrere. Statt „ebenjenes“ und Singular für die Übersetzung zu verwenden, hätte also eher „ebenjene“ und Plural genutzt werden sollen. Bei dem Material in HoMe handelt es sich zwar nur um vorläufige Versionen dieser Textstelle, diese können jedoch Hinweise darauf geben, was Tolkien eventuell meinte. In der anderen deutschen Übersetzung (Wolfgang Krege) wurde an dieser Stelle der Plural verwendet.

Es sind noch einige weitere Sachen verbessert worden, u.a. fast alle der in meiner Besprechung der Ausgabe von 2008 genannten Fehler, die ich an dieser Stelle nicht noch einmal wiederholen möchte. Auch wurde durchgehend jedes Auftreten der Wörter „Galadhon“ sowie „Galadhrim“ an die Schreibung mit „h“ angepasst - in der Ausgabe von 2008 steht oft „Galadon“ sowie „Galadrim“ (ohne „h“).

Textliche Perfektion und Fehlerfreiheit allerdings wird man bei einem so umfassenden Werk wie Der Herr der Ringe nur schwer zustande bringen und auch die neue Ausgabe enthält noch wenige Fehler. Beispielsweise findet man auf den auffaltbaren Karten den Eintrag „Isenmaul“. Dieser ist der in der Krege-Übersetzung verwendete Begriff für das im englischen Original stehende „Isenmouthe“ - bei Carroux heißt es im Text des Buches eigentlich „Isenmünde“. Dass auf der Karte einer Carroux-Übersetzung dennoch ein Begriff aus der Krege-Übersetzung zu finden ist, lässt sich möglicherweise damit erklären, dass für die Karte in dieser Ausgabe (wie auch in der Ausgabe von 2008) die Karte der Krege-Übersetzung übernommen und an die Carroux-Übersetzung angepasst wurde (Details dazu siehe [Craemer]). Das „Isenmaul“ hat man dabei womöglich übersehen.
Verbessert wurden jedoch die Begriffe „Evendimsee“ und „Evendimberge“, die noch auf der Karte der Ausgabe von 2008 zu finden sind. In der Karte der vorliegenden Ausgabe stehen die Begriffe „Abendrotsee“ bzw. „Abendrotberge“. Leider hat man diese nur auf der Karte verbessert, denn im Text des Buchs steht trotzdem noch „Evendim-See“.

Äußerliches

Die vorliegende Ausgabe erinnert an die „roten Ausgaben“ der Carroux-Übersetzung aus den 1990er Jahren und scheint auch absichtlich in diesem Stil gehalten. Sie ist einbändig, leinengebunden, bringt zwei Lesebändchen und roten Schnitt sowie einige - ebenfalls überwiegend in rot gehaltene - farbige Seiten innerhalb des Buches mit.

Thematisch könnte man sie als „feurig“ beschreiben, denn das Thema „Feuer“ ist sowohl auf dem Einbandbild (ein von Flammen umzüngelter Ring) als auch auf den zehn Farbseiten zu finden. Rot findet man auch sonst auf fast jeder Seite, denn sowohl die Seitenzahlen, als auch die Kapitelüberschriften und der erste Buchstabe jeden Kapitels sind in roter Schrift abgedruckt.

Auch die im Buch abgedruckte Karte „Ein Teil des Auenlandes“ ist rot-schwarz, statt - wie in der Ausgabe von 2008 - nur in Schwarz.

Erwähnenswert ist auch, dass die Nummerierung der Seiten im Vergleich zu der vorherigen Ausgabe von 2008 beibehalten wurde, was das Auffinden einer Textstelle in der jeweils anderen Ausgabe unheimlich erleichtern dürfte.

Fazit

Die Ausgabe wurde gegenüber der vorherigen Ausgabe von 2008 weiter verbessert und stellt somit die zu diesem Zeitpunkt am wenigsten fehlerbehaftete Ausgabe einer Carroux-Übersetzung des Herrn der Ringe dar. Außerdem kommt sie aktuellen englischen Ausgaben noch näher, als es bereits die Vorausgabe tat. Der Einführungspreis ist mit 39,90 Euro (später soll sie dann 48,00 Euro kosten) relativ günstig für ein Buch dieses Umfangs und lädt zum Kauf ein. Allerdings sind die Textänderungen bei weitem nicht so umfangreich wie für die 2008 erschienene Lederausgabe - wer diese bereits besitzt, benötigt nicht unbedingt die vorliegende neue Ausgabe.

Es ist außerdem davon auszugehen, dass mit jeder weiteren Auflage dieser Ausgabe neu entdeckte Fehler verbessert werden. Die innerhalb dieser Besprechung genannten Fehlerchen könnten möglicherweise in zukünftigen Auflagen also verbessert sein.

Wer die ältere Übersetzung von Margaret Carroux mag und eine inhaltlich aktuelle Ausgabe davon lesen möchte, sollte unbedingt zu dieser Ausgabe greifen, denn Lisa Kuppler ist es gelungen, den Stil der Übersetzung von Margaret Carroux beizubehalten - und das trotz der vielen sinnvollen Änderungen für die vorherige Lederausgabe und der weiteren Änderungen für die vorliegende Ausgabe .

 

Literaturangaben

CraemerMark Craemer, „Interview mit Lisa Kuppler zur HdR-Luxusausgabe von 2008“. In Der Flammifer von Westernis. Die offizielle Vereinszeitschrift der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V., 35 (2008), 21-9 [erschienen im Juli 2009].
HdR-2008J.R.R. Tolkien, M. Carroux (Übers.), H.W. Pesch (Übers.), L. Kuppler (Revision), Der Herr der Ringe, Stuttgart: Klett-Cotta, 2008 [ISBN 978-3-608-93830-2].
HdR-2009J.R.R. Tolkien, M. Carroux (Übers.), H.W. Pesch (Übers.), L. Kuppler (Revision), Der Herr der Ringe, Stuttgart: Klett-Cotta, 2009 [ISBN 978-3-608-93828-9].

 

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