![]() ![]() | James A. Owen Here, There Be Dragons New York: Simon & Schuster, 2006. [Hardcover, ISBN 978-1-4169-1227-4, 17.95 $, Amazon] |
von Heidi Krüger
veröffentlicht am 06.01.2007
Es scheint ein gutes Zeichen für die nach wie vor wachsende Beliebtheit von J.R.R. Tolkien und sogar den Inklings zu sein, dass ein relativ junger Autor es wagt, eine Erzählreihe von sieben Büchern zu starten, in denen Tolkien und zwei weitere Inklings – C. S. Lewis („Narnia“) und Charles Williams - als fiktive Figuren die Hauptrolle spielen und das erste Buch bereits vor Erscheinen von einer Filmfirma unter Vertrag genommen wurde.
Dieser junge Autor ist James A. Owen; die auf sieben Bände angelegte Erzählreihe heißt Chronicles of the Imaginarium Geographica, die Bände sollen jährlich im Oktober erscheinen; und die Filmfirma ist Warner Bros.
Die Geschichte spielt in zwei Welten, einer imaginären - der Mythen- und Sagenwelt der Menschen - und der realen - im England des Jahres 1917, während des Ersten Weltkrieges.
Miteinander konfrontiert sind hauptsächlich vier Figurengruppen:
John, Jack und Charles sind Menschen aus Oxford, die in das imaginäre Reich existierender Phantasieländer geraten und den Auftrag haben, deren Versinken in die Schatten zu verhindern. Das bewirkt, dass alle drei sich stark verändern und ihr Charakter dem Leser offenbar wird.
Die zweite Gruppe könnte man als Wanderer zwischen den Welten beschreiben. Sie sind größtenteils bekannte Figuren aus unserer Mythengeschichte, tragen hier aber teilweise andere Namen. Sie pendeln zwischen der Realität und der Welt der Imagination hin und her und haben diesbezüglich unterschiedliche Interessen.
Dann gibt es noch die Fabelwesen – wie Trolle, Zwerge, Elfen, Gobline, Drachen -, die allein im Reich der Imagination leben, sich aber dort bekämpfen.
Schließlich haben wir noch die Schreckgestalten wie die Wendigo und die Schattengeborenen, die auch in beiden Welten aktiv werden, aber nur geschaffen wurden, um brutal zu sein.
Zusammengehalten wird dieses große Aufgebot an Figuren durch den Plot der Geschichte: Es droht eine endgültige Trennung der imaginären Welt von der realen, ja sogar eine Zerstörung der imaginären (und damit der realen), und dies soll verhindert werden. Das erinnert an „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende, wo es um die Rettung von Phantasien geht – aber „Here, There Be Dragons“ beleuchtet das Thema von anderer Seite und wirft dadurch auch ein neues Licht auf die Werke von Tolkien und Lewis.
Für Leser, die sich für Mythologie und phantastische Literatur interessieren, ist dieses Buch eine Fundgrube. Nicht nur, dass man Figuren und Motive zuhauf findet, die man kennt, hier aber verändert vorfindet und knobeln muss, woher man sie kennt: vor allem ist interessant, dass einige dieser bekannten Themen von dem Autor wirklich weiterentwickelt werden. Fast könnte man sein Buch als eine Art Sekundärliteratur zu anderen phantastischen Werken auffassen. Vor allem seine Neudeutung der Drachen lässt aufhorchen und geht damit noch einen Schritt weiter als Tolkien und Michael Ende.
Die Kehrseite ist aber zum einen eine gewisse Überladenheit an Motiven und Figuren; vieles wird angerissen, bleibt aber als toter Faden liegen. Das Problem hatte auch schon „Die Unendliche Geschichte“ – lediglich J.R.R. Tolkien, der Meister des komponierenden Erzählens, hat es geschafft, auch noch die unterschiedlichsten Personengruppen in ein Gesamtkonzept einzubinden. Zum anderen ist das Buch für die, die Mythen und phantastische Literatur nicht so gut kennen, nicht in gleicher Weise ein Spaß wie für die, die sich darin auskennen. Das muss aber kein Nachteil sein, denn man kann diese Lektüre ja nachholen.
Eine Schmälerung des Wertes des Romans sehe ich allerdings darin, dass, obwohl das Ziel der Handlung die Verhinderung von Kriegen und die Schaffung des Friedens ist, mal wieder eine Riesenschlacht am Ende in aller Ausführlichkeit geschildert wird. Ich vermute, dass damit dem Zeitgeist gehuldigt wird, denn ohne Schlachten scheint die Unterhaltungsindustrie nicht zufrieden.
Der vielleicht interessanteste Teil des Werkes ist die Charakterisierung der drei Figuren John (J.R.R. Tolkien), Jack (C. S. Lewis) und Charles (Charles Williams). Es ist dies zwar eine freie Interpretation der realen Charaktere, aber sie ist nicht beliebig, und es kann durchaus diskutiert werden, wie weit das Wesen und die Psyche der drei Schriftsteller (so es sich in ihrem Werk äußert) getroffen wurde. Vor allem die Charakterisierung des Jack ist sehr mutig, fast waghalsig - und es würde mich nicht wundern, wenn die Lewis-Fans da erst einmal „baff“ sind (oder zornig). Auf jeden Fall bieten diese Charakterisierungen reichlich Diskussionsmaterial und könnten allein schon dadurch die Tolkien- und Lewis-Szene beleben. Charles Williams, bislang weniger in Deutschland bekannt, wird vielleicht dadurch auch in Zukunft an Interesse gewinnen.
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