![]() ![]() | Hilary Tolkien und Angela Gardner (Hg.) Black & White Ogre Country. The Lost Tales of Hilary Tolkien Moreton-in-Marsh, Gloucestershire: ADC Books, 2009. [Hardcover, ISBN 978-0-9551900-1-8, 9.99 £, Amazon] |
von André Gand
veröffentlicht am 01.03.2009
Black & White Ogre Country mit dem Untertitel The Lost Tales of Hilary Tolkien ist ein Ende Januar 2009 von Angela Gardner herausgegebenes und von Jef Murray reichhaltig illustriertes Werk, das auf einem Notizbuch von Hilary Tolkien beruht. Hilary war der jüngere Bruder des englischen Schriftstellers und Sprachwissenschaftlers John Ronald Reuel Tolkien. Das Notizbuch Hilarys wurde - so heißt es in der Einführung des vorliegenden Werks - auf einem Dachboden gefunden und Hilarys Enkel, Chris Tolkien, hätte nun eine Veröffentlichung gestattet.
Das Buch ist nur in englischer Sprache erhältlich und enthält neben einer Einführung der Herausgeberin und einer Kurzbiographie Hilarys zum größten Teil die aus Hilarys Notizbuch stammenden Aufzeichnungen. Diese wurden in dem vorliegenden Buch in drei Abschnitte unterteilt:
1. Bumble Dell
„Bumble Dell“ (S. 2-11) ist eine halbfiktionale bzw. halbautobiographische, sehr kurze Geschichte über einen schwarzen und einen weißen Oger (Black and White Ogre). Der schwarze Oger klaut Schuhe, die am Ufer eines Flusses zurückgelassen wurden, weil ihr Besitzer in den Fluss gegangen war, um nach am Ufer wachsenden Blumen zu suchen. Geht man dann zum Haus des schwarzen Ogers - etwa um die Schuhe zurückzuholen - verhaut er einen. Der weiße Oger hingegen ist nicht ganz so schlimm. Er achtet allerdings genau darauf, dass man beim Durchstreifen seiner Ländereien nicht den schmalen Feldweg verläßt und somit auf die Felder geht. Der Feldweg führt nämlich zu einer Stelle, an der Brombeeren wachsen. Diese Brombeeren nennt Hilary „bumbles“, den Ort, an dem sie zu finden sind, „Bumble Dell“, daher der Name dieser Geschichte.
Diese Geschichte ist eindeutig eine fiktionalisierte Erzählung eigener Erlebnisse der beiden Tolkien-Brüder. Bereits in Carpenters Biographie über J.R.R. Tolkien berichtete Hilary davon. Der schwarze Oger sei - laut Hilarys Erinnerungen, die in Carpenter abgedruckt sind - ein „alter Bauer, der einmal Jagd auf Ronald machte, weil der Pilze gesammelt hatte“ [Carpenter 28], er „erhielt von den Jungen den Spitznamen »der schwarze Oger«“ [Carpenter 28]. Dies könnte eine der Inspirationen J.R.R. Tolkiens gewesen sein. Man erinnere sich nur an den Herrn der Ringe, wo beschrieben ist, dass Frodo jahrelang Angst vor Bauer Maggot hatte, weil er in seiner Jugend verbotenerweise dessen Pilze gesammelt hatte.
Auch der weiße Oger aus Hilarys Geschichte läßt sich anhand Carpenter identifizieren:
Es waren zwei Müller, Vater und Sohn. Der alte Mann hatte einen schwarzen Bart, doch Angst hatten die Jungen vor dem Sohn mit seiner weißbestaubten Kleidung und seinem stechenden Blick. Ronald nannte ihn den »weißen Oger«.
[Carpenter 27]
Ebenso findet man in Carpenter eine nahezu ähnliche Schilderung aus dem Leben der jungen Tolkien-Brüder, offensichtlich der Anlass für Hilarys Geschichte „Bumble Dell“:
»Wir verbrachten mehrere schöne Sommer, pflückten Blumen aus anderer Leute Gärten. Der schwarze Oger nahm einem manchmal die Schuhe und Strümpfe weg, wenn man sie am Ufer gelassen hatte, um zu planschen, und dann lief er damit fort, daß man ihm nachkommen und darum bitten mußte. Und dann verdrosch er einen! Der weiße Oger war nicht ganz so schlimm. Um aber an die Stelle zu kommen, wo wir immer Brombeeren pflückten (»die Schlucht« genannt), mußten wir über das Land des weißen, und der mochte uns nicht besonders gern, weil der Weg durch sein Feld schmal war [...]
[Carpenter 28]
2. Black & White Witches
„Black & White Witches“ (S. 12-19) ist eine ebenfalls kurze Notiz - Geschichte kann man es eigentlich nicht nennen, denn es fehlt eine Handlung - über eine schwarze Hexe (Black Witch), die kleine Jungen in Steinklumpen oder Baumstümpfe verwandeln kann. Die weiße Hexe (White Witch) hingegen liebt Kinder und betreibt einen Süßigkeitenladen mit günstigen Preisen.
Anzunehmen ist, dass auch hier Erlebnisse der Tolkien-Brüder in einen fiktionalen Text gewandelt wurden. Allerdings ist mir kein Hinweis auf eine böse schwarze Hexe und eine gute weiße Hexe aus einer Tolkien-Biographie bekannt - wie es bei der zuvor beschriebenen Geschichte um die beiden Oger der Fall war -, sodass dies nur eine Spekulation ist.
3. Other Stories
Unter der Überschrift „Other Stories“ (S. 21-56) sind weitere verschiedene kurze Notizen zusammengefasst. Diese sind sowohl inhaltlich als auch von ihrer Länge sehr unterschiedlich. Manche nehmen Bezug auf die beiden zuvor genannten Geschichten, andere befassen sich thematisch mit ganz anderen Dingen. So behandelt eine Notiz beispielsweise eine Katze und deren Wurf, eine andere befasst sich mit dem Ersten Weltkrieg und wiederum eine andere mit einem Geist, der in einem Bauernhaus hausen soll.
Die meisten dieser Notizen sind sehr kurz und ob Hilary wirklich in jeder Geschichte eigene Erlebnisse hat einfließen lassen, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden. In manchen Notizen scheint dies aber offensichtlich der Fall zu sein, so ist beispielsweise ein Hund nach dem Hund von Father Francis Morgan, in dessen Obhut Hilary wie auch sein Bruder einige Jahre lebten, benannt.
Auch geht aus dem Buch nicht hervor, wann genau diese Notizen entstanden sind. In der Einleitung lässt sich die Information finden, dass die Aufzeichnungen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stammen. Hilary - geboren 1894 - war also mindestens 50 Jahre alt, als er diese Erinnerungen - teilweise an seine frühe Kindheit - niederschrieb.
Für Tolkien-Freunde auch interessant ist aber wahrscheinlich der letzte Teil des Buches: eine Kurzbiographie Hilarys (A Brief Biography of Hilary Tolkien, S. 61-73). Während der anfängliche Teil der Biographie, der sich mit dem Tod des Vaters, dem Umzug und dem Tod der Mutter, der Vormundschaft durch Father Francis Morgan usw. befasst, den meisten Lesern wahrscheinlich in ähnlicher aber ausführlicherer Form aus Carpenter und anderen Biographien J.R.R. Tolkiens bekannt sein dürfte, gibt die Biographie im weiteren Verlauf Auskunft über Hilarys weiteres Leben bis hin zu seinem Tod 1976.
Auch ein Auszug eines Briefes von J.R.R. Tolkien an Hilary aus dem Jahre 1971 ist abgedruckt, in dem Tolkien sich gegen den propagandistischen Gebrauch der „Bonfire Night“ wendet. Die „Bonfire Night“ (auch als „Guy Fawkes Night“ bekannt) wird vielerorts in England auch heute noch gefeiert. Ihren Ursprung hat sie als Feier des Scheiterns eines Attentats britischer Katholiken auf die Regierung und den protestantischen König James I von England im Jahre 1605. Weiterhin lassen sich einige interessante Photos finden - auf einigen davon ist J.R.R. Tolkien oder die Mutter Mabel zu sehen, aber hauptsächlich zeigen sie natürlich Hilary und dessen Familie.
Das Buch selbst ist liebevoll gestaltet. Auf fast jeder zweiten Seite befindet sich eine farbige Illustration von Jef Murray, zusätzlich befinden sich noch kleinere, ebenfalls farbige Illustrationen zwischen den Textabschnitten. Allerdings erkennt man daran auch die Kürze des effektiv im Buch enthaltenen Textes: Der Teil des Buches mit Hilarys Notizen umfasst 56 Seiten, davon sind viele mit Bildern des Illustrators versehen, so dass grob geschätzt 25 Seiten mit Hilarys Notizen aufzufinden sind.
Die enthaltenen Photos sind - im Falle einer Farbphotographie - selbstverständlich auch farbig abgedruckt. Auch auf für Buchliebhaber nennenswerte Details wie ein zum Buchdeckel farblich passendes Vorsatzblatt wurde nicht verzichtet und die auf dem Schutzumschlag abgedruckten Bilder lassen sich auch auf dem Buchdeckel und der Rückseite des Buches selbst wiederfinden, wenn man den Schutzumschlag entfernt.
Sollte man dieses Buch nun also kaufen? Das Buch ist meiner Meinung nach für diejenigen geeignet, die sich wirklich intensiv mit J.R.R. Tolkiens Leben beschäftigen, etwas mehr über dessen Bruder Hilary wissen möchten oder einfach nur aus Hilarys Sicht verfasste Geschichten über einige Jugenderlebnisse lesen möchten. Man bekommt hier eine schöne Sicht auf manche Inspirationsquelle J.R.R. Tolkiens, die man auf vergleichbare Weise selten anderswo vorfindet. Es ist und bleibt allerdings trotzdem ein Spezialbuch, das wenn dann nur indirekt - nämlich aus Hilarys Sicht in Form halbfiktionaler Notizen - einige Begebenheiten aus Hilarys Leben (an einigen Stellen sicher überschnitten mit denen seines berühmten Bruders) schildert. Lange, spannende Geschichten darf man nicht erwarten.
Die ebenfalls enthaltene Kurzbiographie Hilarys, die auch Photos enthält, könnte möglicherweise für manche Leute interessanter sein. Allerdings plant Angela Gardner, die Herausgeberin dieses Werks, eine viel umfassendere Biographie über Hilary Tolkien, die zum Ende dieses Jahres oder 2010 auf den Markt kommen soll. Wie Gardner mir versicherte, habe sie eine Vielzahl an Briefen, Photos, künstlerischen Werken und Andenken der Familie Hilarys vorliegen, die sie zur Zeit für die Zwecke der geplanten Biographie sichtet.
Das Buch - besser: das Büchlein - ist aber alleine schon aufgrund der Verarbeitung und der Illustrationen ein Schmuckstück für die Tolkien-Sammlung. Tolkien-Sammler haben möglicherweise auch Interesse an einer speziellen Luxusausgabe dieses Werks, die - auf 100 Exemplare limitiert, mit üblicher Ausstattung heutiger Luxusausgaben (slipcase etc.) versehen und mit weiteren Bildern des Illustrators geschmückt - Anfang April 2009 herausgegeben werden soll. Inhaltlich enthält das Werk aber zum Zwecke der Forschung über J.R.R. Tolkien und dessen Werk wenig Informationen, jedoch ist dies natürlich auch gar nicht die Absicht des Werks, denn - so betont Gardner in der Einführung - die Geschichten seien „for your own enjoyment, and to read aloud to your children and grandchildren“ (für euer eigenes Vergnügen und um sie euren Kindern und Enkeln vorzulesen, S. vi). Hilary wird hier in den Vordergrund gestellt, das Werk gibt einen - wenn auch kleinen - Einblick aus bisher kaum gehörter Sichtweise in das Leben und die Notizen des jüngeren Bruders von J.R.R. Tolkien.
Literaturangaben:
Diese Hobbit-Ausgabe in simplified Chinese besticht durch ungewöhnliche ...
"... and best of all the nameless North of Sigurd and the Völsungs, and the ...
Klett-Cotta gibt einmal im Jahr die kostenlose Zeitschrift "Tolkien Times" ... | Ein Inhaltsverzeichnis für Tolkien Studies |
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