![]() ![]() | James A. Owen und Samuel Weiss (Sprecher) Wo Drachen sind Hamburg: Jumbo Neue Medien, 2008. [Audio-CD, ISBN 978-3-8337-2262-2, 24.95 €, Amazon] |
von André Gand
veröffentlicht am 26.11.2008
Das Hörbuch Wo Drachen sind ist im Oktober 2008 bei GoyaLiT im Hause Jumbo Neue Medien erschienen, umfasst sechs CD und weist eine Spieldauer von etwas mehr als sieben Stunden auf. Es handelt sich um eine gekürzte Lesung von James A. Owens gleichnamigem Roman, der als Buch in deutscher Übersetzung erstmals im November 2007 im Verlag cbj (Random House Gruppe) herausgegeben wurde. Die Übersetzung fertigte Michaela Link an. Der Titel der englischsprachigen Originalausgabe lautet Here, there be Dragons, sie ist bei Simon & Schuster erschienen.
Wo Drachen sind ist der erste Teil einer Romanreihe mit dem Titel „Die Chroniken der Imaginarium Geographica“, die insgesamt mal aus sieben Teilen bestehen soll.
Der Sprecher des hier vorgestellten Hörbuchs ist Samuel Weiss. Er gehört momentan dem Ensemble des Schauspielhauses Hamburg an, hat in diversen TV- und einigen Kinoproduktionen als Schauspieler mitgewirkt und bereits durch weitere Lesungen von Hörbüchern Erfahrungen bei der Hörbuchproduktion sammeln können. Möglicherweise kennt der eine oder andere ihn bereits aus der Hörbuchumsetzung von Andrzej Sapkowskis Geralt-Saga, die nämlich ebenfalls von Weiss eingelesen wurde.
Das Hörbuch - und natürlich auch das zugrunde liegende Buch selbst - ist für Tolkien-Freunde deshalb interessant, weil Owen in seinem Roman einerseits den jungen J.R.R. Tolkien selbst zum Hauptdarsteller macht und dabei nicht mit Anspielungen auf den Lebenslauf des realen jungen Tolkien zur Zeit des ersten Weltkriegs geizt, andererseits aber auch Personen aus Tolkiens Umfeld einbezieht - wie etwa die beiden weiteren Hauptakteure in diesem Werk, die den beiden Inklings C.S. Lewis und Charles Williams nachempfunden sind.
Dabei beschränkt sich Owen jedoch nicht nur auf diese drei Personen mit historischem Vorbild, denn es tauchen weitere aus der Literatur bekannte Persönlichkeiten auf, zusätzlich diverse Charaktere, die deren Werken oder den Werken weiterer Schriftsteller und verschiedenen Mythologien und Sagen entliehen sind.
Owens Figuren sind den realen natürlich nur nachempfunden, es lassen sich jedoch immer wieder Parallelen finden und je mehr man im Vorfeld über die realen Personen wusste, desto mehr Andeutungen findet man logischerweise auch in Owens Werk.
Der Grundplot der Geschichte selbst ist nicht wirklich neu: man gelangt in den Besitz einer Karte (der „Imaginarium Geographica“), die das Betreten einer mit unserer realen Welt verbundenen Mythenwelt gestattet, dort stellt sich heraus, dass ein böser Herrscher versucht, die Macht an sich zu reißen und man ihn davon abhalten müsse, was letztendlich - wie leider so oft in Fantasy-Romanen - auf eine große Schlacht der beiden Lager hinausläuft.
Ganz so schlicht wie im Absatz zuvor umrissen ist die Geschichte im Detail nicht. Aber der Plot ist auch gar nicht das, was dieses Werk so besonders macht, sondern vielmehr die Tatsache, dass sich haufenweise direkte oder indirekte Andeutungen auf bekannte oder zum Teil auch weniger bekannte Mythen, Sagen oder historische Vorkommnisse finden lassen, die teilweise auf neue Art interpretiert oder an die Bedürfnisse von Owens Geschichte angepasst dargestellt werden und meist geschickt in den Verlauf der Geschichte verwoben sind. Ähnliches hat schon manch anderer Schriftsteller vor Owen versucht, jedoch gelang es Owen, eine Geschichte zu schreiben, die durch Kurzweil überzeugt und die den nachempfundenen historischen Personen keine schlichten Kopien ihrerselbst aufsetzt, sondern teilweise - mitunter mutig - neu interpretiert.
Viel genauer soll auf die Geschichte selbst an dieser Stelle nicht eingegangen werden, für weitere Details kann bsw. in der Besprechung des Buches nachgelesen werden. Nur ein kleiner Auszug sei noch gestattet, der verdeutlichen soll, dass Owen „seinem“ Tolkien auch etwas Selbstironie mitgegeben hat. Tolkien-Freunde werden sich an eine ähnliche Passage im Herrn der Ringe erinnern, dort stehen die Gefährten vor dem Tor von Moria und überlegen, wie man dieses öffnen könne, was letztendlich durch ein in elbischer Sprache gesagtes Schlüsselwort gelingt („Sprich Freund und tritt ein.“). Bei Owen stellt sich die Situation ähnlich dar, der folgende Auszug setzt an einer Stelle von Owens Werk ein, in der es darum geht, dass man eine dem Anschein nach verschlossene Tür öffnen möchte. John ist Owens J.R.R. Tolkien:
»Was besagt die Inschrift denn?«, fragte John. [...]
»Es ist Elfisch«, wiederholte Tummeler. »Im Wesentlichen steht dort: Erklärt Eure Gefolgschaft und seid willkommen.«
»Hm, bedeutet das nicht vielleicht, dass das magische Wort, mit dem man die Tür öffnen kann, ›Gefolgschaft‹ ist?«, meinte Jack. »Auf Elfisch?«
»Das ist eine törichte Idee«, widersprach John. »Dann könnte jeder, der Elfisch spricht, hinein.«
Allem Anschein nach hat Tolkien sich das im Laufe der Zeit doch anders überlegt :-)
Handwerklich ist das Hörbuch gut gemacht: Weiss überzeugt in ganzer Linie als Sprecher. Wer das Buch schon kennt, darf sich besonders auf Weiss' Interpretation des Stewards Magwich freuen, dessen windige und schleimige, teils unterwürfig demütige und durchtriebene Art genial von Weiss in Szene gesetzt ist, ebenso hervorzuheben ist die Umsetzung von Kapitän Nemo, den drei Hexen von Avalon und dem Dachs Tummeler. Aber auch alle weiteren Figuren sind gut interpretiert und mit charakteristischer Stimme und unverwechselbarem Tonfall eingesprochen.
Das Hörbuch ist im Vergleich zum Buch leicht gekürzt, es fehlen manche kleinen Satzteile, allerdings wird nichts Wesentliches weggelassen. Für die Bedürfnisse eines Hörbuchs scheint mir diese Bearbeitung gut gelungen, man verpasst keine wichtigen Informationen durch die Auslassungen.
Zum Lieferumfang des Hörbuchs gehört neben dem Hörbuch selbst ein Begleitheft, das in aller Kürze eine Kapitelübersicht und deren Verteilung auf die sechs CD gibt, das im Buch abgedruckte Nachwort von James A. Owen enthält (dieses wurde nicht in die Lesung einbezogen, da es auch nicht zur Geschichte gehört), ein kleines Glossar enthält, das einige der Gestalten aus Mythen und Legenden kurz erklärt. Zudem zeigt das Begleitheft eine alphabetische Übersicht der bisherigen „Hüter der Imaginarium Geographica“, begonnen bei Hans Christian Anderson und endend bei Charles Williams.
Das Hörbuch Wo Drachen sind ist eine sehr gut gelungene Umsetzung von Owens gleichnamigem Roman. Samuel Weiss versteht es, jeder Figur eine charakteristische Stimme und den damit verbundenen Wiedererkennungswert zu geben; bei der Interpretation manch einer Figur läuft Weiss zu Hochform auf.
Tolkien-Freunde, die sich darauf einlassen können, dass Tolkien als Hauptakteur eines Romans in Szene gesetzt ist, werden wahrscheinlich ihren Spaß daran haben, Owens Version des jungen Tolkien kennenzulernen. Kenner von Tolkiens Lebenslauf oder der Welt der Literatur, Mythen und Legenden werden möglicherweise ihre Freude haben, Owens Anspielungen - die mitunter auch versteckt sind - zu entdecken.
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