![]() ![]() | Brian Sibley, John Howe Die Karte von Wilderland Stuttgart: Klett-Cotta. [Sondereinband, ISBN 978-3-608-93395-6, 11.50 €, Amazon] |
von André Gand
veröffentlicht am 23.03.2007
Unter dem Titel Die Karte von Wilderland ist 1996 bei Klett-Cotta die deutsche Übersetzung der ein Jahr zuvor bei HarperCollins erschienenen englischen Ausgabe dieser Karte herausgegeben worden. Es handelt sich dabei um eine von dem Tolkien-Illustrator John Howe gezeichnete Karte in Posterformat und ein kleines Begleitheftchen, welches von Brian Sibley verfasst ist.
In ähnlicher Machart werden bei Klett-Cotta zwei weitere Karten angeboten: Die Karte von Mittelerde und Die Karte von Beleriand.
Howe illustriert seit langem Ausgaben der Werke Tolkiens; so gibt es beispielsweise eine von ihm illustrierte Ausgabe des Lord of the Rings und des Silmarillion. Zudem sind Howes Bilder in zahlreichen Tolkien-Kalendern enthalten, und bei der kürzlichen Verfilmung des Lord of the Rings durch Peter Jackson wirkte Howe als Conceptual Artist bei der Produktion der Filmtrilogie mit.
Sibley ist in erster Linie Autor. Er veröffentlicht einerseits Bücher, unter anderem auch zur Filmtrilogie des Lord of the Rings, andererseits ist er fürs Radio tätig. So hat Sibley beispielsweise an der britischen Produktion der Hörspieladaption des Lord of the Rings mitgewirkt.
Die enthaltene Karte ist in dem Sinne keine geographisch genaue und detaillierte Karte, sondern ein von Howe aus der Vogelperspektive gezeichnetes Poster von Wilderland, in das einige Ortsnamen geschrieben sind. Die Karte zeigt in etwa den Bereich von Bruchtal über die Nebelberge und den Düsterwald bis nach Esgaroth und entspricht damit ungefähr der in den verschiedenen Ausgaben des Hobbit enthaltenen Karte Wilderlands. Die vorliegende deutsche Ausgabe der Karte verwendet die Begriffe, wie sie in der Krege-Übersetzung des Hobbit benutzt werden. So heißt beispielsweise der im Original „Mirkwood“ betitelte Wald hier „Düsterwald“ und nicht „Nachtwald“ (wie in der Scherf-Übersetzung).
Die eigentliche Karte (vgl. Abb. 1) nimmt etwa die Hälfte des Posters ein. Umschlossen wird diese Karte von einer Zeichnung des Drachen Smaug, welche jedoch nur einen Teil dieses Drachen zeigt. Auf der unteren Hälfte des Posters ist ein Teil des Bildes „An Unexpected Party“ (Abb. 2) gezeigt. Auf diesem Bild erkennt man Bilbo und die Zwerge in Beutelsend, eine Szene aus dem Hobbit, in der die Zwerge musizieren, Gandalf Pfeife raucht und Bilbo sich bemüht, seine Gäste zu bewirten. Ganz oben auf dem Poster ist der Schriftzug „J.R.R. Tolkien: Die Karte von Wilderland“, umgeben von einem Bären- und einem Adlerkopf gezeigt. Der Bär wird höchstwahrscheinlich Beorn sein, eine Figur aus dem Roman The Hobbit, und auch Adler spielen im Hobbit eine nicht unwichtige Rolle.
Das Poster ist ausgeklappt 73 cm mal 71 cm groß und leider mehrfach geknickt. Möchte man es sich an die Wand hängen, sollte man zunächst die Knickfalten entfernen.
Wie durch die Beschreibung des Posters schon angedeutet, findet man hier nicht echtes Kartenmaterial, wie man aufgrund des Titels möglicherweise vermuten könnte. Die Karte eignet sich selbst zum Abschätzen von Entfernungen kaum. Derjenige allerdings, der ein hübsches Bild sucht, um eine Wand damit zu schmücken, wird von diesem Poster kaum enttäuscht werden.
Das 23 Seiten umfassende Begleitheft trägt den Titel „Hin und wieder zurück: Zur Karte von Wilderland“ und lässt sich grob in zwei Abschnitte einteilen: einen Textteil und einen Stichwortteil.
In dem Textteil erklärt Sibley in aller Kürze den Hintergrund der Entstehung des Hobbit und gibt knapp den Grundgedanken der Geschichte des Hobbit wieder. Begleitet wird der Text von einigen Bleistiftzeichnungen Howes und der Darstellung von Thrórs Karte aus dem Hobbit, die Sibley bei der Erläuterung der Runen im Hobbit heranzieht. Ebenso ist die in dem Briefband als Brief 112 veröffentlichte und in Runenschrift verfasste Postkarte Tolkiens an Katherine Farrer gezeigt, anhand derer Sibley nochmals auf die Bedeutung der Runen eingeht.
Die gegebenen Informationen sind allesamt sehr knapp und es gibt andere Bücher, in denen diese ausführlicher beschrieben sind. Doch es ist nicht das Anliegen des Begleitheftes, eine umfassende Analyse des Hobbit zu betreiben, daher sind hier für den unerfahrenen Leser möglicherweise interessante Informationen enthalten, der Tolkienkenner hingegen wird wohl nichts Neues finden.
Der Stichwortteil trägt die Überschrift „Orte auf der Karte von Wilderland“ und befasst sich mit insgesamt 23 Ortsnamen von „Adlerhorst“ bis „Waldtor“, von denen nicht alle in der Karte verzeichnet sind. Zu jedem Eintrag werden kurz Informationen gegeben, die dem aufmerksamen Leser des Hobbit allerdings wohlbekannt sein dürften. Etwas verwirrend ist die Tatsache, dass einige Namen von Ortschaften in der Übersetzung des Begleitheftes anders benannt sind als auf der Karte. So findet sich im Begleitheft der Eintrag „Elbenpfad“, während es auf der Karte „Waldelbenpfad“ heißt. Weiterhin wird im Heft der Begriff „Furt“ erklärt, auf der Karte ist jedoch nur der Eintrag „Alte Furt“ zu finden. Ähnliche Namensabweichungen finden sich bei „Großer Fluss von Wilderland“ (auf der Karte „Der große Strom von Wilderland“) und „Orktor“ (Karte: „Hintertür der Orkhöhle“). Ebenso unschön ist die Tatsache, dass einige der erläuterten Begriffe gar nicht in der Karte verzeichnet sind, so beispielsweise „Adlerhorst“ und „Waldtor“, zwei Orte, die in jeder der den Hobbit-Ausgaben (Original bzw. Krege-Übersetzung) beigefügten Karten sehr wohl verzeichnet sind. Es ist schade, dass der Übersetzer Hans J. Schütz hier bei manchen Begriffen allem Anschein nach Übersetzungen für Eigennamen wählt, die weder in der Krege-Übersetzung des Hobbit auftauchen (was das Begleitheft konsistent zur vorliegenden besprochenen Karte gemacht hätte) noch in der älteren Scherf-Übersetzung des Hobbit; so wird der Leser zusätzlich verwirrt wird. Nun könnte man natürlich dagegen halten, dass die Krege-Übersetzung des Hobbit erst ein Jahr später als diese Karte erschienen ist, jedoch müssen die verwendeten Begriffübersetzungen Kreges schon bekannt gewesen sein, denn auf der eigentlichen Karte werden sie ja benutzt.
Der Verlag verspricht im Klappentext eine Karte, die „genauer als die bisher bekannten Karten“ sei. Dieses Versprechen wird nicht eingehalten, denn die Karte zeigt nicht mehr Details als die in den verschiedenen Ausgaben des Hobbit abgedruckte Karte Wilderlands. Bei der hier besprochenen Karte handelt es sich im Prinzip nur um eine kolorierte Nachzeichnung der im Buch bereits enthaltenen Karte. Und es gibt - und gab auch schon zum Erscheinungszeitpunkt dieser Karte - genauere Karten, so beispielsweise in dem Buch Historischer Atlas von Mittelerde, welches in der deutschen Übersetzung ebenfalls bei Klett-Cotta herausgegeben wird.
Für jemanden, der seine Wände gerne mit derlei Dingen schmückt, ist diese Karte sicher gut zu gebrauchen. Und auch derjenige, der nur einen groben Überblick über Wilderland haben möchte, findet sich anhand der Karte prinzipiell zurecht. Wer sich von der hier besprochenenen Karte von Wilderland allerdings detailliertes Kartenmaterial erhofft, welches eine genaue Übersicht über Wilderland gibt, wird enttäuscht.
Das Begleitheft gibt keine neuen Informationen - aber den Anspruch hat es auch nicht. Es ist ein Beiwerk, welches kurz die Einträge der Karte erläutern soll. Mehr darf man von diesem Begleitheft nicht erwarten.
Dank geht an John Howe für die freundliche Genehmigung dafür, dass seine Bilder hier gezeigt werden dürfen.
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