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Besprechung von Landkarten von Mittelerde

Landkarten von Mittelerde
Friedberg: Pegasus Spiele, 2003.
[Sondereinband, ISBN 978-3-930635-82-5, Amazon]

von Jan Holz
veröffentlicht am 26.07.2005

 

Wer Peter Jacksons Herr der Ringe-Verfilmung kennt, dem mögen auch schon die auf Pergament gezeichneten Karten aufgefallen sein, die zum Beispiel Bilbo oder Faramir besitzen. Diese Karten, sowie die weiteren im Film verwendeten Schriftstücke stammen von dem Künstler Daniel Reeve, der offizieller Kalligraph und Kartograph der Produktion war.

In Zusammenarbeit mit der Pegasus Spiele GmbH wurden für das Herr der Ringe-Rollenspiel sechs von Daniel Reeve gezeichnete Karten der Länder Mittelerdes veröffentlicht, die vom Stil her in etwa den im Film verwendeten Karten entsprechen.

Die im Set enthaltenen Karten entsprechen in ihrer Größe in etwa DIN-A2 (56x43cm) und sind zweifach geknickt. Die Knicke lassen sich mit etwas Geschick jedoch fast restlos entfernen. Auch dabei ist ein 32-seitiges Begleitheft, das als „Reiseführer nach Mittelerde“ ausgegeben wird. Geliefert wird das Ganze in einer, leider etwas zu labbrigen, Mappe die zudem noch oben offen ist, sodass die Karten nur unzureichend geschützt sind.

Zu den Karten

Die Karten sind sehr schön und detailliert gezeichnet und zeigen stets alle wichtigen Ortschaften, Straßen und Landschaftsmerkmale. Jede Karten ist von einem Schriftzug in einem zur Region passenden Tengwar-Modus umrandet und enthält eine Maßstabsangabe.

Da man die Karten des Auenlands, West- und Ost-Gondors, Rohans, Eregions und Morias hat, liegt die Idee nahe, aus den Karten eine große Karte Mittelerdes zusammenzulegen. Diese Idee ist nicht unbedingt neu, da bereits Rollenspiele wie DSA Karten für dieses Prinzip veröffentlichten.

Wenn man die Landkarten Mittelerdes jedoch zusammenlegt fallen einem zwei Sachen auf:

1. Es fehlen einige Kartenteile!

Auf dem Rückentext heißt es:

Von den Wüsten und Dschungeln Weit-Harads bis zu den Eisöden von Forodwaith, von den Grauen Anfurten im Westen bis zu den Steppen und Seen von Rhûn im Osten - Mittelerde ist eine Welt voll wundersamer Länder, stolzer Königreiche, tödlicher Berggipfel und dunkler Wälder.

Dieser Satz lässt ja schon viel hoffen, wenn man ihn so liest. Es scheint umfangreiches Kartenmaterial in der Mappe zu sein, das Mittelerde bis in den letzten Winkel erschließt. Fehlanzeige! Weder Harad noch Forodwaith, nicht Rhûn oder wenigsten die Grauen Anfurten lassen sich auf den Karten finden. Und ich habe nicht gelogen, als ich weiter oben behauptet habe, dass keine wichtigen Ortschaften fehlen. Stattdessen fehlen Karten auf denen die auf dem Mappenrücken angepriesenen Teile Mittelerdes zu finden wären!

Folgendermaßen sähe es aus, wenn man die vorhandenen Karten zusammenfügt:

Karten

An die Ränder habe ich jeweils die äußersten abgebildeten Gebiete genannt. Wie man sieht fehlen sowohl Lindon mit den Grauen Anfurten, wie auch der komplette(!) Osten Mittelerdes, also Wilderland (Rhovanion) mit dem Düsterwald, dem Erebor. Ebenso vergeblich sucht man den Norden Mittelerdes mit Angmar, dem Grauen Gebirge und der erwähnten Forodwaith.

Da fragt man sich schon ob die Herausgeber noch nie etwas von Tolkiens Der Hobbit gehört haben und deshalb dachten Wilderland und auch die anderen Gebiete seien überflüssig. Wer sich ernsthaft mit Mittelerde beschäftigt, was man von einem Rollenspieler, auf den dieses Set zugeschnitten ist, doch erwarten kann, der möchte auf diese Regionen gewiss nicht verzichten. Auch von den Seen von Rhûn ist keine Spur zu finden. Gerade einmal die Braunen Lande werden im Osten der Rohan-Karte erwähnt (mit umgerechnet 30 Meilen). Ebenso unauffindbar bleibt der mittlere Westen Mittelerdes, wo Enedwaith und Minhiriath sein sollten.

2. Die Karten haben zwar eine einheitliche Größe, aber keinen einheitlichen Maßstab!

So entsprechen auf den Karten vom Auenland, Rohan, und West- und Ost-Gondor 7,5 cm auf der Karte jeweils 60 Meilen. Auf der Karte Eregions werden durch 7,5cm 90 Meilen dargestellt, während auf der Mordor-Karte 8 cm für 90 Meilen stehen. Für genaue Streckenvergleiche eignen sich die Karten also nicht, da dies eine Menge Rechnerei mit sich bringen würde.

Was mich auch noch sehr verwundert hat, ist, dass auf der Rückseite des Begleitheftes eine komplette Karte Mittelerdes (inklusive Forodwaith, Weit-Harad, Lindon und Rhûn!) zu sehen ist. Diese Karte ist sehr gut gestaltet und bietet einen guten Überblick mit vielen Details. Warum wurde diese Karte auf die Rückseite des Heftes verbannt? Sie wäre die ideale Ergänzung zu den Regionalkarten gewesen, wenn sie im selben Format vorhanden wäre.

Neben dieser Karte bietet das Heft noch je eine verkleinerte Version der anderen Karten mit einem groben Koordinatengitter und den „Reiseführer nach Mittelerde“.

Zum Begleitheft

Der „Reiseführer nach Mittelerde“ umfasst auf 21 Seiten Text(!) wesentlich mehr der Landschaft Mittelerdes, als auf den Karten zu sehen ist. Der Autor der Texte ist John Rateliff, der mir bisher noch kein Begriff war, seine Aufgabe jedoch gut gemeistert hat. Das Heft ist in Schwarz-Weiß gehalten und zwischen den Texten finden sich immer wieder Bilder aus Peter Jacksons Verfilmung. Leider fehlt ein Inhaltsverzeichnis, sodass man schlecht „mal eben nachlesen“ kann. Anhand der Größe der Überschriften kann man (mit ein bisschen vergleichen) jedoch nachvollziehen wie die Einteilung gedacht ist.

Hier ein von mir verfasstes Inhaltsverzeichnis:

  1. Eriador
    • Lindon
    • Die Hallen der Zwerge
    • Die Grauen Anfurten (Mithlond)
    • Die Weißen Türme
    • Das Verlorene Reich von Arnor
      • Arthedain
      • Cardolan
      • Rhudaur
    • Das Auenland
    • Der Alte Wald
    • Die Hügelgräberhöhen
    • Breeland
    • Bree
    • Bruchtal (Imladris)
    • Eregion (Hulsten)
    • Die Enedwaith und Dunland
  2. Der Norden
    • Angmar
    • Die Forodwaith
    • Die Orkfestungen des Nordens
      • Gundabad
      • Der Gramberg
    • Das Graue Gebirge (Ered Mithrin)
  3. Rhovanion (Wilderland)
    • Das Nebelgebirge
    • Düsterwald
    • Das Waldreich (Thranduils Hallen)
    • Dol Guldur
    • Die Täler des Anduin
    • Die Eisenberge
    • Erebor, der Einsame Berg
    • Esgaroth und Thal
    • Lothlórien
    • Moria (Khazad-Dûm)
    • Fangorn
  4. Der Süden
    • Die Braunen Lande
    • Isengart
    • Rohan
    • Der Drúadanwald
    • Gondor
      • Minas Tirith
      • Ithilien
      • Dol Amroth
      • Osgiliath
      • Pelargir
  5. Mordor
    • Die Totensümpfe
    • Barad-dûr
    • Minas Morgul
  6. Abgelegene Reiche
    • Umbar
    • Harad
    • Rhûn
    • Dorwinion

Wie man sieht, findet wenigstens im Begleitheft jeder Bereich Mittelerdes Erwähnung. Hier erfährt man jetzt auch endlich mal etwas über die Gebiete, die zwar versprochen, aber nicht kartiert waren. Gebiete, die in Tolkiens Erzählungen nicht näher betrachtet werden, werden auch hier schnell abgehandelt. So werden die Reiche im Osten und Süden nur der Vollständigkeit wegen erwähnt. Jedes Gebiet wird auf dieselbe Art und Weise beschrieben, wobei immer die gleichen Punkte abgehandelt werden:

Wenn man mal vom letzten Punkt absieht, so zeigt sich deutlich, dass selbst Rollenspiel-Muffel in diesem Heft einiges über die Landschaft Mittelerdes erfahren können, was einem keine Karte zeigen kann.

Zu jedem Gebiet gibt es außerdem noch Informationen zu typischen Einrichtungen und wichtigen Orten. So wird bei den Grauen Anfurten beispielsweise die Tradition des elbischen Schiffbaus erwähnt und, dass in Eregion die Ringe der Macht geschmiedet wurden. Somit ist das Heft auch ohne die Karten eine interessante, wenn auch sehr kurze, Lektüre. Hinter dem Textteil findet sich ein Stichwortverzeichnis, in dem sich alle kartierten Orte wieder finden lassen. Die dort angegebenen Koordinaten lassen sich dann in einem, wenn auch etwas groben, Rastersystem im hintersten Teil des Hefts nachschlagen.

Der einzige wirkliche Haken am Reiseführer sind die Rechtschreibfehler. Man fragt sich selbst beim flüchtigen Drüberlesen, wie viel der Lektor von deutscher Rechtschreibung versteht.

Fazit

Bewertet man das vorhandene Material ohne nach sinnvollen Ergänzungen zu fragen, so kann man mit dem Set doch recht zufrieden sein. Man bekommt sechs präzise Karten, die dabei auch noch sehr gut (an der Wand) aussehen. Der „Reiseführer nach Mittelerde“ kann gut mit MarcoPolo mithalten und bietet eine Menge Informationen zu allen Gebieten Mittelerdes ohne zu sehr auf seinen Anspruch als Rollenspielzubehör zu pochen. Wer jedoch ein umfassendes Werk zur Geographie Mittelerdes sucht und weniger Wert auf dekorative Karten legt, sollte doch eher zum Historischen Atlas von Mittelerde greifen.

 

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