von Frank Weinreich
veröffentlicht am 25.08.2008
Poesie ist die Blüte und das Aroma allen menschlichen Wissens.
(Samuel Taylor Coleridge: Biographia Literaria)
Es gibt einige Orte im literarischen Werk Tolkiens, an denen sich des Autors Überzeugungen von menschlicher Kreativität und Schöpferkraft sowie deren Stellung im Gefüge des Seins analysieren lassen: Mythopoeia, jenes Gedicht, das er C.S. Lewis widmete, um ihm zu zeigen, dass Mythen keine Lügen sind, sondern wertvolle Wahrheiten enthalten, ist der wichtigste dieser Orte. Denn das ist das eigentliche Thema des Gedichtes: Die Verfasstheit des Seins; Mythopoeia stellt die poetische Quintessenz der Tolkienschen Ontologie (phil.: „Lehre vom Sein“) dar.
Mythopoeia ist ein ebenso kraftvolles wie rätselhaftes Gedicht, das sich durchaus als Glaubensbekenntnis der Tolkienschen Ontologie beschreiben lässt. Es erinnert in Metrum und Wortwahl an die englische Romantik, besonders an John Keats´ Lamia, und reicht mit seinem Anspruch doch schon von der ersten Strophe bis hinunter in die Antike, erinnert es doch an Lehrgedichte, in denen in der Antike wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt wurden. Vorgestellt wird es dann noch unter der Überschrift, eine Antwort an einen Mythenskeptiker sein zu wollen. Was soll diese Mischung aus romantischer Spekulation und wissenschaftlichen Aussagen und was verbirgt sich mit Blick auf Tolkien und sein fiktionales Werk dahinter?
In der Nacht vom 19. auf den 20. September 1931 fand ein langes Gespräch zwischen den Freunden Tolkien, Hugo Dyson und C.S. Lewis statt, in dem die Erstgenannten sich bemühten, Lewis über das wahre Wesen des Mythos aufzuklären. Lewis soll in dieser Diskussion gesagt haben, Mythen seien Lügen, wenn auch durch Silber gehaucht. Das erregte Tolkiens sofortigen Widerspruch, der dies abstritt und behauptete, dass Mythen Wahrheit enthielten. In den Wochen nach diesem Gespräch entstand dann Mythopoeia als kondensierte und künstlerisch aufbereitete Form der Argumente gegen Lewis. Dies war der Anlass für die Entstehung des Gedichtes Mythopoeia im Jahr 1931.
Mythopoeia ist eine Wortschöpfung aus dem 19. Jahrhundert, bestehend aus den griechischen Vokabeln mythos und poeisis. Mythos muss nicht übersetzt werden und poeisis steht für „handeln, schaffen“, dies aber im Falle von Mythopoeia im künstlerischen Sinne, und den bezieht Tolkien auf die kreative menschliche Schöpferschaft, wie er sie in On Fairy Stories später etwas vorsichtiger beschreiben wird (FS 25). Mythopoeia bedeutet also Mythen erschaffen und der Titel im Zusammenhang mit der an Lewis gerichteten Widmung „To one who said that myths were lies ...“ gibt das Programm des Gedichtes vor, den Wahrheitsstatus von Mythen aufzuzeigen.
Es ist an dieser Stelle nicht möglich, aber auch gar nicht nötig, das Gedicht Vers für Vers durchzugehen. Ich beschränke mich auf die entscheidenden Passagen. Das eigentliche Gedicht beginnt nicht sofort. Zunächst erfolgt eine Widmung an C.S. Lewis („Für jemanden, der gesagt hat, dass Mythen Lügen seien, wenn auch durch Silber gehaucht“; meine Übersetzung, ab hier werde ich einzelne Verse nicht mehr übersetzen, da Übersetzungen in diesem konzentrierten Gedicht immer auch unbewusste Interpretationen wären). Dann gibt Tolkien eine Zwischenüberschrift „Philomythus to Misomythus“; das Gedicht stellt also eine Mitteilung des Mythenfreundes Philomythus an den Mythenskeptiker, vielleicht auch Mythenfeind, Misomythus dar.
Misomythus ist es, von dem in dieser Strophe behauptet wird, „You look at trees and label them just so“ usw. Die erste Strophe bildet die materialistische Weltsicht der Zeit, besonders aber die Weltsicht der empirischen Wissenschaften ab. Man bemerkt Phänomene in der wahrnehmbaren Welt und gibt ihnen zunächst rein klassifikatorische Bezeichnungen wie Baum, Erde, Weltkugel. Selbst ein Stern, eine Himmelserscheinung, die immerhin Gegenstand unzähliger mythischer wie romantisierender Interpretationen ist, ist für die empiristische Weltsicht letztlich nichts weiter als etwas Materie in der Form eines Balles („some matter in a ball“, Zeile 5). Das Materielle verläuft in geregelten Bahnen, damit aber auch kalt und dumm, wobei man „Inane“ (7) an dieser Stelle wohl besser mit geistlos im Sinne von entspiritualisiert übersetzt. Es ist ein Universum, indem die Sterne auf berechenbaren Kursen ihre Bahn ziehen, dies aber unausweichlich.
Strophe zwei berichtet von der Entwicklung von Zeit, Kosmos und Welt, „from dark beginnings to uncertain goals“ (12). Erwähnt wird einerseits die Evolution, ohne das Konzept explizit als falsch zu bezeichnen. In den Zeilen 15 und 16 steht „an endless multitude of forms appear, some grim some frail some beautiful, some queer“ und sie stammen nach Zeilen 17/18 aus einer Quelle, aus „one remote Origo“. Das ist nichts anderes als die poetische Kurzform des Evolutionsprinzips. Doch schon eine Zeile weiter besteht das Gedicht andererseits darauf, dass Gott die Welt und das Leben auf ihr schuf - „God made the petreous rocks, the arboreal trees“. Das ist aus heutiger Sicht kein Problem, denn Evolution und Gottesglaube schließen einander nicht aus, und dazu braucht man nicht einmal die Hilfe der fragwürdigen Anhängerschaft des sogenannten Konzeptes des intelligent design zu bemühen. Aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann man den Hinweis auf Gottes Schöpferschaft eigentlich nur als Einwand gegen die Evolutionstheorie lesen. Damit wäre also eine kritische Anmerkung gegen die modernen Naturwissenschaften zu konstatieren.
In Strophe drei erfolgt der erste Hinweis auf die starke Rolle der Sprache, der Namensgebung und des Menschen als Zeuge für ihr Dasein („trees are not trees until so named and seen“): Bäume werden erst zu Bäumen, wenn sie so benannt („named“) und von jemandem wahrgenommen („and seen“) wurden, so heißt es in Zeile 29. Und bemerkt ebenso wie benannt werden konnten sie erst, nachdem ein Benennender auf den Plan getreten ist - der Mensch. Den Menschen, der erst zum Menschen wird, indem er über Sprache verfügt, das sagt Zeile 31 („who speech's involuted breath unfurled“). Der Mensch entfaltet sich erst zum Menschen durch den „schwer verständlichen Atem der Sprache“, die ein schwaches Echo und dunkles Bild der Welt ist, aber nicht im Sinne einer Aufzeichnung oder einer Photographie. Es ist nicht ganz einfach auseinander zu nehmen, was hier in dieser so wichtigen dritten Strophe zu finden ist, man sollte es Stück für Stück durchgehen.
Was aus der Betrachtung also zu ziehen ist, ist Folgendes: es gibt eine Existenzebene neben der materiellen Ebene auf der sich unsere Körper gerade befinden und diese zweite Ebene muss irgendetwas mit Sprache zu tun haben. Das legt den Verdacht nahe, dass der Mensch, das aristotelische zoon logon echon, einen Schlüssel besitzt, mit dem er diese Ebene aufschließen kann.
In den Zeilen 39 - 44 heißt es dann, dass er, der Mensch, das Vorhergewusste aus der Erfahrung ausgräbt und das Spirituelle hervorbringt, im Falle Tolkiens und seiner Leserinnen und Leser insbesondere die Elben und ihre künstlerischen Fähigkeiten. Zwei Dinge sind hier wichtig. Erstens das Wort „foreknown“ (Zeile 39). Vorhergewusstes wird da ausgegraben. Es handelt sich um Wissen, das der Mensch nicht erlernt hat, sondern das er vorher, vor der subjektiven Erfahrung, ja vor dem Beginn seines Lebens, denn der Beginn des Lebens ist ja auch der Beginn seiner Erfahrungen, besessen hat. Die antike griechische Philosophie würde hier von Geburt sprechen und von der Kunst, eine Geburt zu begleiten. Es ist das von Sokrates postulierte Sicherinnern an vorgewusste Wahrheiten, von dem Tolkien hier spricht. Erinnerungen werden wiedergeboren und so das Wissen erneut gewusst, ein Konzept, das erstmals ausführlich in Platons Schrift Phaidon entwickelt wurde. Aber woher kommt das besondere Wissen, dessen man sich erinnert? Das kommt wieder von einer anderen Existenzebene. Damit findet sich hier also ein erneuter Verweis auf das Übernatürliche. Zudem findet sich hier der erste Hinweis auf die besondere Stellung der Kunst und der Kreativität. Denn woran erinnert sich der Mensch da nach Überzeugung Tolkiens wieder? An die Elben und ihre Schmieden und Webstühle. Die Elben und ihre Schmieden und Webstühle, die hier ihre Arbeit in den Köpfen der Menschen verrichten, dienen als Metapher für die Kunst und den Stellenwert von Kunst und schöpferischer Tätigkeit, an die sich der Mensch erinnert. Und diese ist mit „great power“ ausgestattet (Zeile 41).
Strophe 4 beschreibt in sehr schönen Bildern den Zauber, den man in der Welt wahrnehmen kann, wenn man sie mit Elbenaugen, mit den Augen des Künstlers also, sieht. Strophe 5 beobachtet dann den Menschen hinsichtlich seines Platzes in der Ordnung der Dinge. Die Strophen 6 - 9 erzählen von den Gefahren der Welt und davon, dass es das Böse wirklich gibt: „of evil this alone is dreadly certain, evil is“ (Zeilen 79f.). Letzteres ist ein Gedanke, von dem man einen Materialisten natürlich schwer wird überzeugen können, denn damit ist ein metaphysisches Böses gemeint, eine Macht, die Tolkien in der Mittelerdedichtung letztlich in Melkor verkörpern wird, die aber nach des Professors Überzeugung auch für uns Menschen der Primärwelt eine reale Macht ist. Und Aufgabe der Mythen - und deren Wahrheit gegenüber C.S. Lewis darzulegen ist ja der Sinn des Gedichtes - ist es, vor diesem Bösen zu warnen. Wer sich dessen bewusst ist und trotzdem ein wenig Mut zusammenhalten kann, der ist gesegnet (Strophe 8). Gesegnet sind aber besonders jene, die dann auch noch ihre Stimme erheben und von diesen Erkenntnissen in mythischer Erzählung berichten: „the legend-makers with their rhyme“ (Zeile 91). In Zeile 92 steckt dann wieder ein Hinweis auf die andere Existenzebene, denn die „legend-makers“ berichten Wahres, aber sie berichten von Dingen, die in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung nicht zu finden sind, denn das sind „things not found within recorded time“ (Zeile 92). Bescheiden, wie Tolkien typischerweise auftritt, wünscht er sich dann in Strophe 10 nur, dass er doch auch einmal mit den Barden singen dürfe, um seine Stimme in diesem Sinn erheben zu können. Nun das war 1931, sein Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen.
Strophe 11 ist dann besonders interessant wegen des Bildes, das von den Naturwissenschaften gezeichnet wird. Die fortschreitenden Affen aus Zeile 119 stellen eine Spitze gegen die Evolutionstheorie dar, die Tolkien wahrscheinlich in erster Linie als Beleidigung des Glaubens an die Gottesebendbildlichkeit des Menschen empfand. Wichtiger aber ist der Abgrund, der sich vor dem Fortschritt auftut (Zeile 120f.). Dass Tolkien den Fortschritt in Form des technischen Fortschrittes ablehnte, ist bekannt und bedarf keiner kritischen Analyse mehr. Technischer Fortschritt aber hängt vom Fortschreiten der Erkenntnisse in den Naturwissenschaften ab. Umso wichtiger ist es, hier in Zeile 119 die Spitze gegen Darwin zu notieren. Die Zeilen 125 bis 130 sind dann der unmissverständliche Ausdruck der Verweigerung gegenüber der unspirituellen Moderne und dem als vorherrschend empfundenen Materialismus der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Diesen Weg geht der Dichter nicht; er verneigt sich nicht vor der eisernen Krone des Materialismus und er wird sein goldenes Szepter der schöpferischen Kreativität nicht ablegen. Bemerkenswert ist noch die Zeile 126, denn „denoting this and that by this and that“, also Bedeutungen von einem Sachverhalt aus einem anderen zu entwickeln und wieder zurück zu verweisen, ist eine verklausulierte Kritik an den Erkenntnisprinzipien von Induktion, dem Schluss vom Besonderen auf das Allgemeine und Deduktion, dem Schluss aus dem Allgemeinen auf das Besondere. Induktion und Deduktion sind aber die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnismittel neben der Empirie.
Doch wie weit reicht die Erkenntnis denn nun? Tolkien hat klar gemacht, was er ablehnt, er hat gezeigt was ein Mythos ist und dass der Mythos Wahrheiten berichten kann. Aber das sind nur schwach zu hörende und abgedimmt zu sehende Wahrheiten. Auch die menschliche Schöpferkraft ist, selbst wenn sie elbisch zu werden imstande ist, doch nur in der Lage, Abbilder der Wahrheit zu zeigen. Spätestens hier erinnert man sich an antike Schriften - abgeschwächt zu sehende Bilder, schwer zu hörende Töne? Das klingt doch ganz wie Platons Höhle?
Die Zeilen 131 - 136 sind entscheidend für die Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis; „renew“ und „mirrored truth“ sind die Schlüsselbegriffe. „Renew“ nimmt nämlich wieder den sokratischen Topos des Sicherinnerns an vorgeburtliches Wissen auf. „Mirrored truth“ ist eine Anspielung auf das Höhlengleichnis Platons. In der realen Welt, in der einzigen Welt an die der Materialist glaubt (glauben darf!), gibt es allenfalls Spiegelungen der Wahrheit und des wahren Seins zu sehen, ganz wie es in Platons Höhlengleichnis nur die Schatten der Dinge zu sehen gibt (514a - 515c). Die Möglichkeit „[to] see that all is as it is“, die besteht nur auf der zweiten Existenzebene. Und auch das, was man sieht - „all [...] as it is, and yet made free“, ist eine Anspielung auf Platons Höhle, denn die Schau der Wahrheit ist nach Platon auch ein Akt der Befreiung.
Was ist in ontologischer Hinsicht nun festzuhalten, nach diesem Durchgang durch Mythopoeia? Mit der materiellen Weltsicht stimmt offensichtlich etwas nicht. Betrachtet man die Welt wie sie ist, so rührt einen aber etwas an („nerves that tingle touched by sound and light“ heißt es schon in Zeile 22). Damit wird ein Erkenntnisprozess in Bewegung gesetzt, der den Menschen auf eine zweite Existenzebene hinweist. Der Wert dieser zweiten Existenzebene besteht darin, so muss man zumindest aus der Kritik an der physischen Realität schließen, dass dort die Dinge erscheinen wie sie wirklich sind. Insbesondere natürlich in allen Belangen von Gottes Existenz! Doch diese Ebene kann man nicht betreten, zumindest als lebender Mensch nicht auf direkte, auf unvermittelte Weise. Aber Worte können diese Vermittlung übernehmen. Worte können eine Ahnung der Wahrheiten vermitteln. Und diese Ahnung wahrer Worte und Sachverhalte, die ist in den Mythen zu finden.
Was aber bedeutet das Gesagte in philosophischen Termini? Das ist recht einfach auf den Punkt zu bringen: Die in Mythopoeia steckenden Ansichten und ihre Verbildlichung sind purer Platonismus! Das ganze Gedicht ist eine Art poetische Kürzestfassung der Erkenntnistheorie von Phaidon und Politeia. Mythopoeia ist sozusagen das Höhlengleichnis des romantischen Dichters. Denn nichts anderes findet sich in der platonischen Ideenlehre und Ontologie: der Dualismus, die Überzeugung, dass die Erkenntnis im Licht zu finden ist, die Ansicht, dass wer nur in der materiellen Welt nach Erkenntnis sucht, auf eine Höhlenwand blickt, auf der er nichts anderes als die Schatten jener echten Dinge und Wesen zu erkennen vermag, die gleichzeitig hinter seinem Rücken das wahre Sein leben. Erst wenn der Mensch aufsteht und sich umdreht und die Höhle verlässt, ist er in der Lage, den Blick von den Schatten an der Wand zu wenden und „from mirrored truth the likeness of the True“ (Zeile 134) zu sehen. Nur ist es für Tolkien noch viel schlimmer als für Platon, denn Tolkien sieht die Menschheit nicht auf eine Wand schauen, sondern in einen Abgrund blicken: „I will not walk with you progressive apes, erect and sapient. Before them gapes the dark abyss to which that progress tends“ (120 - 122).
Wie man das nun einschätzen soll? Ideenlehre und zweite Existenzebene? Schöpferkraft und Zweitschöpfung? Zunächst einmal ist es Spekulation und kann nicht mehr sein, ehe sich die zweite Existenzebene oder Gott nicht direkt zu Wort melden. Es sind Glaubensfragen, auch die Philosophie Platons ist eine. Doch ich bin nicht hier angetreten, um meinen Glauben oder Unglauben zu vertreten, sondern um meinungsarm daran zu erinnern, dass die Wurzeln tief reichen und dass man ihnen folgen muss, wenn man das Verstehen sucht.
Jene, die wissen, was Poesie ist und woher sie kommt,
und dass der Mensch der Lieder bedarf,
oder die einige der fünfzig Zweige der Magie kennen,
jene haben wenig Zeit, auf Dinge wie die Wissenschaften zu verschwenden.
(Lord Dunsany: The King of Elfland´s Daughter)
Der Artikel ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung eines Essays, den ich in erweiterter Form in Hiley/Weinreich Tolkien's Shorter Works, Walking Tree Publishers 2008, veröffentlicht habe.
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