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Besprechung von J.R.R. Tolkien, C. Tolkien (Hg.): Nachrichten aus Mittelerde

J.R.R. Tolkien, C. Tolkien (Hg.)
Nachrichten aus Mittelerde
Stuttgart: Klett-Cotta.
[Broschierte Ausgabe, ISBN 978-3-608-93246-1, 15.00 €, Amazon]

von Matthias Willering
veröffentlicht am 14.02.2007

 

Als der britische Autor John Ronald Reuel Tolkien 1973 im Alter von 81 Jahren stirbt, erfreuen sich seine beiden zentralen Werke The Lord of the Rings und The Hobbit or There and Back again bereits größter Beliebtheit.

Dass Tolkien noch wesentlich mehr Geschichten aus seiner fiktiven Welt Mittelerde auf Papier gebracht hatte, ist zu diesem Zeitpunkt allerdings kaum jemandem bekannt, der sich nicht näher mit Tolkien und seinen Werken beschäftigt hat.
So bleibt es nach Tolkiens Tod seinem Sohn Christopher vorbehalten, die in großen Teilen ungeordneten und unvollendeten Aufzeichnungen seines Vaters sinnvoll zu strukturieren und sie mit Kommentaren versehen zu veröffentlichen.
Im Jahr 1977 erscheint dann im Verlag George Allen & Unwin in London mit dem Buch The Silmarillion das erste Werk, welches von Christopher Tolkien unter Mitarbeit des kanadischen Fantasyautoren Guy Gavriel Kay herausgegeben wird.

Bereits 1980 bringt der Verlag dann den Titel Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth heraus. Während es beim Silmarillion noch gelungen war, die einzelnen Fragmente der Hinterlassenschaft Tolkiens mithilfe einiger Ergänzungen in eine zusammenhängende und fortlaufende Geschichte zu bringen, handelt es sich bei diesem Buch um eine Sammlung unbearbeiteter und damit auch unvollendeter Sagen aus Mittelerde, wie der englische Originaltitel verdeutlicht. Auch werden Varianten oder frühe Entwürfe bereits aus dem Silmarillion bekannter Geschichten aufgeführt und kommentiert.
Im Klett-Cotta Verlag erscheint 1983 das deutsche Pendant Nachrichten aus Mittelerde, übersetzt von Hans J. Schütz. Die Gestaltung des Umschlages dieser ersten deutschen Ausgabe stammt von Heinz Edelmann.

Inhalt

Das Inhaltsverzeichnis von Nachrichten aus Mittelerde gibt die gute Strukturierung des Werkes sofort wieder: In drei Teilen werden zunächst die fragmentarischen Geschichten aus den drei großen Zeitaltern Mittelerdes, ausnahmslos mit Anmerkungen versehen, wiedergegeben. Ein vierter Teil gibt in lexikalischer Art weitere Information zu zwei Bevölkerungsgruppen, den Drúedain und den Istari, sowie zu den Palantíri, den „sehenden Steinen“.

Das Buch beginnt folglich chronologisch korrekt: Im ersten Teil finden sich zwei Erzählungen aus dem ersten Zeitalter: „Von Tuor und seiner Ankunft in Gondolin“ und die so genannte „Narn I Hîn Húrin“, die Geschichte der Kinder Húrins.
Diese kurzen Geschichten sind in anderer Version auch im Silmarillion zu finden, die Unterschiede sind jedoch nicht zu übersehen. Wer diese äußerst phantasievollen und metaphorisch geschriebenen Texte schon beim Lesen des Silmarillions faszinierend fand, wird Freude daran haben, sie hier in der stellenweise wesentlich ausführlicheren Version lesen zu können.
Die Kommentare von Christopher Tolkien zeigen die Unterschiede zwischen den zwei Versionen auf und verdeutlichen, weshalb J.R.R. Tolkien bestimmte Passagen verworfen hat.

Der zweite Teil in Nachrichten aus Mittelerde befasst sich zunächst mit der Insel Númenor. Eine ausführliche Beschreibung informiert über die Insel, die in Tolkiens Sagen samt ihrem stolzen Menschengeschlecht untergeht.
Es folgt die Erzählung „Aldarion und Erendis: Das Weib des Seefahrers“, eine Geschichte aus der Blütezeit Númenors, welche Einblick in die Kultur der Insel gibt, und ein Stammbaum aller Könige Númenors, inklusive einer Erläuterung zu jedem der im Stammbaum erwähnten Herrscher.
Abgeschlossen wird der zweite Teil mit der Geschichte von Galadriel und Celeborn sowie von Amroth, dem König von Lórien. An diese Erzählung angeknüpft ist ein fünfteiliger Anhang, der sich mit der Sprache der Wald-Elben, ihren Sindarin-Fürsten, den Grenzen Lóriens und dem Hafen von Lond Daer befasst und über die Namensgebung von Galadriel und Celeborn aufklärt.

Der dritte Teil ist dann der meiner Meinung nach interessanteste und spannendste. Da die hier wiedergegebenen Geschichten allesamt aus dem dritten Zeitalter stammen, bieten sie äußerst wichtige und informative Hintergrundfakten, die sich direkt auf die beiden Werke Der (kleine) Hobbit und Der Herr der Ringe beziehen. So dienen sie dem besseren Verständnis der gesamten Handlung dieser beiden Bücher, die ja unmittelbar zusammenhängt und aufeinander aufbaut...
Eingeleitet wird dieser Teil sinnvollerweise mit dem Text „Das Verhängnis auf den Schwertfeldern“. Hier wird erzählt, wie der Menschenkönig Isildur bei einem Scharmützel mit einem Trupp Orks getötet wird und den Einen Ring verliert, den er nach Saurons Fall am Ende der Schlacht des letzten Bündnisses an sich genommen hatte. Es handelt sich natürlich um den einst von Sauron geschmiedeten Ring, mit dessen Macht sich ganz Mittelerde beherrschen und versklaven ließe, sollte er in die Hände des dunklen Herrschers gelangen. Jener Ring, der die Handlung der Bücher Der (kleine) Hobbit und Der Herr der Ringe prägen wird… Im Anhang dieser Geschichte werden die númenorischen Längenmaße aufgeführt.

Hiernach folgt in vier Unterkategorien aufgeteilt das Kapitel „Cirion und Eorl und die Freundschaft zwischen Gondor und Rohan“. In den Erzählungen „Die Nordmenschen und die Wagenfahrer“, „Der Ritt Eorls“, „Cirion und Eorl“ sowie „Die Überlieferung Isildurs“ findet man viele Informationen, mit denen man die Beziehungen und vor allem früher vorherrschenden Schwierigkeiten zwischen Gondor und Rohan erst verstehen kann.
Die beiden folgenden Kapitel geben dann ebenfalls Handlungsstränge wieder, die direkt mit den beiden großen Werken Tolkiens verknüpft sind:
So erfährt der Leser erst etwas über die Hintergründe der Reise zum Einsamen Berg und weshalb Gandalf Bilbo dazu brachte, als tragende Person an dieser waghalsigen Unternehmung teilzunehmen.
Im Kapitel „Die Jagd nach dem Ring“ wird dann vor allem das Auftauchen der Schwarzen Reiter im Auenland und ihre Suche nach dem Einen Ring vertieft. So wird aus zwei verschiedenen Sichtweisen dargestellt, wie die Schwarzen Reiter handelten, was ihr Plan gewesen war und weshalb es ihnen letztendlich doch nicht gelang, den Ring in ihren Besitz zu bringen. Ein drittes Unterkapitel befasst sich mit Saruman, seiner Suche und Gier nach dem Einen Ring und seiner Rolle im Auenland.

Das fünfte und letzte Kapitel handelt von den „Schlachten an den Furten des Isen“. Wie in Der Herr der Ringe beschrieben wird, versuchte Saruman, mit einem Angriff auf die Festung Helms Klamm das Volk Rohans bis auf den letzten Mann zu vernichten. Die beiden vorangehenden Angriffe, die Saruman an diesem für die spätere Schlacht äußerst wichtigen strategischen Übergang durch den Fluss Isen führte, werden hingegen dort nicht detaillierter dargestellt, sondern nur angedeutet. Von diesen beiden Auseinandersetzungen, die die spätere Schlacht um Helms Klamm erst ermöglichten, wird hier erzählt.

Es folgt dann der abschließende vierte Teil des Buches. Auch hier werden dem Leser Informationen nahe gebracht, die ihn dabei unterstützen, die Welt Mittelerdes in ihrer ganzen Detailtiefe und Vielfalt zu begreifen. In zwei Kapiteln wird hier über das Dasein der beiden Bevölkerungsgruppen der Drúedain, eines alten Menschengeschlechts, und der Istari, der Zauberer Mittelerdes, berichtet, zu denen Gandalf und Saruman zählen. Ein drittes Kapitel befasst sich mit den Palantíri, den sehenden Steinen der Herrscher Mittlerdes. Sieben Steine existierten einst, die es ihren Besitzern ermöglichten, über große Entfernungen miteinander zu kommunizieren. Zur Zeit des Ringkrieges waren es wohl nur noch drei Palantíri, die in den Händen von Denethor, Saruman und Sauron auf ihre Art in den Verlauf und Ausgang des Ringkrieges einwirkten.

Das Buch endet mit einem Namens- und Ortsregister und je einer Karte von Mittelerde und Númenor. Der Detailgrad dieser Karten ist nicht sehr hoch, reicht aber aus, um dem Leser die geographischen Aspekte der einzelnen Geschehnisse näher zu bringen. Kritisiert werden muss hier allerdings das Fehlen einer Karte von Beleriand, des Landes, in dem ein Großteil der Geschichten spielt...

Schwierigkeitsgrad

Vergleicht man Nachrichten aus Mittelerde hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades mit dem Silmarillion, so kann man meiner Meinung nach zu folgendem Eindruck gelangen: Nachrichten aus Mittelerde liest sich bei der ersten Lektüre etwas leichter als das Silmarillion.
Beide Bücher ähneln sich zwar sehr in ihrer altertümlichen Sprache, die einigen Probleme bereiten mag, oder auch hinsichtlich der Verstricktheit einiger Handlungsstränge.
Letztendlich ist es aber doch eher das Silmarillion, das z.B. aufgrund der großen Menge komplizierter Namen für Verwirrung beim Leser sorgt.
Es ist vielleicht auch ein kleiner Vorteil, dass Nachrichten aus Mittelerde kein zusammenhängendes Buch ist. So kann sich der Leser jede Geschichte einzeln vornehmen, unabhängig einer übergeordneten Handlung. Denn genau solch eine übergeordnete Handlung ist beim Silmarillion zwar vorhanden, beim ersten Lesen aber nur schwer nachzuvollziehen. Schließlich ist das Silmarillion auch nur deshalb ein zusammenhängendes Buch, weil Christopher Tolkien die nötigen Ergänzungen hinzufügte.
Abschließend bleibt noch anzumerken, dass aber auch der Schwierigkeitsgrad in Nachrichten aus Mittelerde sehr stark variiert. Während z.B. die Geschichte „Turin Turambar“ recht einfach zu verstehen ist, sind vor allem jene Erzählungen anspruchsvoller, die in verschiedenen Versionen vorhanden sind.

Die Übersetzung

Die Übersetzungen der Werke Tolkiens sind ein viel diskutiertes Thema für sich. Während beim Buch Der Herr der Ringe die meisten Leser auf die alte Übersetzung von Margaret Carroux schwören, weil sie die neuere Version von Wolfgang Krege für zu modern in der Wortwahl halten, ziehen beim Hobbit mittlerweile viele Leser die neue Übersetzung von W. Krege der ersten von Walter Scherf vor, weil diese kindlicher geschrieben ist. Die deutsche Übersetzung von Nachrichten aus Mittelerde bildet da eine Ausnahme.

Erschienen 1983 im Klett-Cotta Verlag in der Übersetzung von Hans J. Schütz, liest sie sich in meinen Augen sehr angenehm und flüssig. Die Sprachwahl entspricht den Erwartungen, die ein Leser hegt, wenn er sich ein Fantasywerk mit historisch anmutenden Ausmaßen zu Gemüte führt. Vielleicht ist sie auch daher die bis heute einzige deutsche Übersetzung von J.R.R. Tolkiens Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth geblieben.

Fazit

Das Buch ist unerlässlich für alle großen Tolkien-Fans, die ihr Wissen nach der Lektüre der drei zentralen Werke weiter vertiefen wollen, um vor allem den Herrn der Ringe in seiner ganzen Tragweite verstehen zu können.
Viele der Geschichten sind sehr spannend und das Buch ist geprägt von einem allegorischen und phantasievollen Erzählstil. Daneben bietet es auch die Möglichkeit, sich anhand der Kommentare von Christopher Tolkien wissenschaftlich mit dem Stoff auseinanderzusetzen.
Idealerweise sollte man Nachrichten aus Mittelerde allerdings nach der Lektüre der anderen drei oben genannten Bücher lesen, ansonsten wird man es nicht verstehen. Wer diesem Hinweis folgt, sollte aber nicht zögern, sein Geld in diese wunderbare Fundgrube phantastischer Geschichten zu investieren.

 

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