![]() ![]() | J.R.R. Tolkien, V. Flieger (Hg.) Smith of Wootton Major London: HarperCollins, 2005. [Hardcover, ISBN 978-0-00-720247-8, 14.99 £, Amazon] |
von Heidi Krüger
Foreword (dt.: Vorwort)
Dieses Vorwort von Verlyn Flieger enthält eigentlich nur eine Empfehlung an die Leser der Erzählung Smith of Wootton Major, keine Vorworte zu lesen, bevor man nicht die Geschichte gelesen hat – und hält sich damit an die Empfehlung von Tolkien, die zu Beginn seines abgebrochenen Vorwortes zu The Golden Key (dt. Der Goldene Schlüssel) steht:
„DON'T READ THIS! Not yet.“ (dt. "Nicht lesen! Noch nicht jetzt.")
Smith of Wootton Major (dt.: Der Schmied von Großholzingen)
Hier ist Tolkiens Erzählung, wie sie in der Erstausgabe erschienen war - inklusive der Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Pauline Baynes - wiedergedruckt worden. Zur Besprechung der Erzählung siehe Smith of Wootton Major, Werkbesprechung.
Afterword (dt.: Nachwort)
Das Nachwort stammt von Verlyn Flieger und ist sehr inhaltsreich. Wir erfahren nicht nur – wie oben schon erwähnt – etwas über die Manuskriptsituation und Tolkiens Lesung im Jahr 1966, sondern bekommen auch Einblick in bisherige Deutungen der Geschichte samt Fliegers Position dazu, einen Überblick über die späteren Auflagen und Publikationen der Erzählung, des Weiteren Erläuterungen über die im Buch enthaltenen weiteren Dokumente.
„Genesis of the Story“ (dt: „Genese der Erzählung“)
Im November 1967, also kurz nach der Veröffentlichung der Erzählung, hatte Professor Clyde Kilby vom Wade Center [1] in Illinois bei Tolkien angefragt, ob sein Institut das Manuskript von Smith of Wootton Major kaufen könne. Tolkien schickte ihm daraufhin eine Beschreibung, wie sein Werk entstanden sei – und diese Beschreibung ist in diesem Kapitel abgedruckt. Sie enthält neben dem auf dieser Seite schon Erwähnten ein paar Aspekte, wie Tolkien seine eigene Geschichte sieht.
Leider ist der Kauf aber nicht zustande gekommen, denn den Preis, den Tolkien forderte, konnte das Institut nicht aufbringen.
Tolkien's draft introduction to The Golden Key (dt.: Tolkiens Entwurf zu der Einleitung von Der Goldene Schlüssel)
Hier nun befindet sich die schon öfter erwähnte und abgebrochene Einleitung zu der Erzählung von George MacDonald.
Es ist erkennbar, dass Tolkien sich wirklich Mühe gibt, Positives zu dem Autor zu sagen, obwohl es ihm schon früh „entrutscht“, dass MacDonald „predige“.
Im Grunde aber spricht Tolkien von seiner eigenen Konzeption von „fairy“, die auch in diesem kurzen Vorwort schon Neues oder Erläuterndes zu seinem fast dreißig Jahre früher geschriebenen Essay On Fairy-stories bietet. Nicht uninteressant sind auch seine Überlegungen zu dem Verhältnis zwischen Autor und Werk.
Time Scheme and Characters (dt.: Zeitschema und Charaktere)
Unter diesem Titel verbergen sich Tabellen, die Tolkien zu der Erzählung gemacht hat und die deren realistischen Hintergrund beleuchten. Die Geburtsjahre und andere Daten der handelnden Personen werden benannt, auch von deren Vorfahren, und eine Art Chronologie aller wichtigen Ereignisse ist erstellt worden. Von diesem Text gibt es drei Varianten, die dritte ist in dem Buch veröffentlicht.
Wann genau Tolkien dies ausgearbeitet hat, erwähnt Flieger leider nicht.
Die Tabellen wirken ein wenig ernüchternd, denn sie rauben der Erzählung den Zauber und machen sie zu einem Stück realistischer Historie. Aber sie sind ja auch nicht Teil der Erzählung.
Suggestions for the ending of the story (dt.: Vorschläge für das Ende der Erzählung)
Hier macht sich Tolkien Gedanken über Aspekte seiner Geschichte und versucht Dinge zu klären, die nur zwischen den Zeilen stehen; kurz: er interpretiert. Leider erfahren wir auch hier nicht, wann genau Tolkien diese Gedanken notiert hat.
Smith of Wooton Major essay (dt: Der Essay „Der Schmied von Großholzingen“)
Dieser Essay, ebenfalls ohne Datum, ist relativ lang und greift Themen auf, die auch in den anderen hier im Buch versammelten Dokumenten angeschnitten sind: zum Beispiel zur Deutung seines Werkes und zur Frage nach der Allegorie. Eine wirkliche Innovation aber für die Tolkienforschung sind Tolkiens ausführliche Bestimmungen über „fairy“, die neue Aspekte seinem Aufsatz On Fairy-Stories hinzufügen und dadurch dazu auffordern, seine Dichtungstheorie neu zu klären.
Hybrid draft and transcription of „The Great Cake“ (dt.: Gemischter Entwurf und Transkription von „Der Große Kuchen“)
Hier ist der erste komplette Entwurf der Geschichte zum einen immer auf der linken Seite als Faksimile abgedruckt - wir sehen den Text also in einer Direktkopie: Tolkiens Schreibmaschinentext beziehungsweise den handschriftlichen Text -, zum anderen haben wir auf der rechten Seite den selben Text transkribiert, d.h. für den modernen Druck umgeschrieben.
Die Korrekturen hat Tolkien in seinem Manuskript je nach zeitlichem Eintrag in unterschiedlichen Farben zugefügt. Ein Beispiel dafür befindet sich in Farbe im Buch. Die anderen Faksimiles sind in schwarz-weiß. Die ersten sechs Seiten sind in Schreibmaschinentext, die restlichen neun in Handschrift.
Überraschend ist, dass das Artefakt der Verbindung zwischen Alltagswelt und Faerie, ein Stern, in der allerersten Fassung - ein Ring ist.
Lake of Tears drafts and transcriptions (dt: See der Tränen - Entwürfe und Transkriptionen)
Dieses Kapitel dokumentiert die verschiedenen Stufen einer einzigen Episode der Erzählung: dem See der Tränen. Ähnlich wie im vorigen Kapitel dieses Buches arbeitet Flieger auch hier mit Faksimiles. Auf der linken Seite befindet sich das handschriftliche Dokument, auf der rechten in dem Fall auch ein Faksimile, die maschinenschriftliche Abschrift von Tolkien selbst. Die Korrekturen von Tolkien sind dadurch für uns ablesbar.
Notes (dt.: Anmerkungen)
Diese Anmerkungen stammen von Verlyn Flieger und ergänzen die Angaben im Haupttext.
Um mit dem Negativen zu beginnen:
Es ist ein wenig mühsam, sich aus dem Nachwort und den Anmerkungen von Verlyn Flieger ein klares Bild über den präzisen Ablauf der allmählichen Entwicklung des Werkes zu verschaffen. Manches gar gelingt nicht so recht, und man muss interpolieren. Wer von Christopher Tolkien gewohnt ist, alle Bezüge und Entwicklungen transparent und gut vernetzt dargeboten, alle Lücken in der Forschung genau benannt zu bekommen, wird anfangs das Gefühl haben, zu „schwimmen“.
Dies betrifft aber nur die Form der Darstellung.
Die Zusammenstellung der Manuskripte, die Flieger hier bietet, ist, wenn ich das recht beurteilen kann, komplett. Weitere Dokumentationen gibt es nicht. Und mit ihrer Veröffentlichung ist dies die erste Erzählung von Tolkien, die eine historisch-kritische Annäherung erfährt. Hochinteressant sind die Faksimiles, die es dem Leser erlauben, Tolkien fast über die Schulter zu schauen, wenn er schreibt.
Dass die Erstausage von 1967 hier mitsamt den originalen Illustrationen ebenfalls als Faksimile geboten wird, war eine denkbar gute Wahl.
Verlyn Flieger ist eine der bedeutendsten heutigen Tolkienforscher. In A Question of Time analysiert sie die Deutungen anderer Forscher als auch Smith of Wooton Major selber in aller Gründlichkeit; im Nachwort zu der hier vorgestellten Neuauflage des Smith deutet sie neben eines Kurzüberblickes über die Forschungssituation ihre eigene Herangehensweise nur an: sie untersucht das Werk nicht in biographischer Hinsicht (wie die meisten Forscher), sondern in seiner Eigenart.
Aus allen diesen Gründen ist diese Ausgabe trotz des erwähnten Makels dem Tolkienfreund sehr zu empfehlen - und sei es als „Zweitbuch“.
Anmerkung:
| [1] | The Marion E. Wade Center in Illinois, von Clyde S. Kilby gegründet, besitzt verschiedene wertvolle Bücher und Materialien von Tolkien und zu den Inklings. |
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